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Verrucht, erotisch, melancholisch: Tango in der HfG

Tango-Fieber in der HfG. Und mitten drin: Ulmer Baubürgermeister Alexander Wetzig. Und der bekennt: "Tango kann süchtig machen."

Autor: CHRISTA KANAND |
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„Eins, zwei, Wiegeschritt . . .“ Bienvenido beim Tango argentino! Zehn Paare, blutige Anfänger und Fortgeschrittene, teils in hochhackigen Spangenschuhen und im kleinem Schwarzen wie die blonde Andrea aus Ulm, teils im sportlichen Chic, schwingen konzentriert nach Anleitung von Benedicta Walser bei CD-Einspielungen das Tanzbein. Im Sechser- oder Achter-Schritt, bei Gewichtswechsel und Kreuzstellung folgen die Paare der Tanzlehrerin und ihrem lässig-eleganten Tanzpartner Alexander Wetzig.

Der Ulmer Baubürgermeister als tango-passionierter Eintänzer auf Tanzkurs-Parkett in der Ulmer Hochschule für Gestaltung? In der Cafeteria der HfG mit der wahrscheinlich berühmtesten Theke Ulms warnte Wetzig: „Tango kann süchtig machen.“ Tango-Fieber überall. Doch daran litten alle gern – erst beim kostenlosen Schnupper-Tanzkurs, dann beim zweistündigen Konzert mit dem Trio Tango Transit, einer europaweit gefragten furiosen Jazz-Tango-Band aus dem Frankfurter Raum. Wer in der Milonga bis in die Puppen Tango tanzen wollte, war ab 23 Uhr bei DJ Hans Peter Salzer aus Bad Abach bis fast zwei in der Früh wieder mal richtig. Bei Aufnahmen etwa von Franciso Fiorentino, der als Musiker und Sänger der argentinischen Tango-Szene in den 40er und 50er Jahren berühmt war, machte das Mitmachen, Zuhören und Zuschauen einfach Freude.

Die „Lange Nacht des Tangos“ hatte mehr als 100 Junge und Junggebliebene in die HfG aufs Hochsträß gelockt. Dort machten erstmals das Kunst-Werk-Team, der Verein Donautango und die vh Ulm gemeinsame Sache. Eine gelungene Premiere als Abschluss einer vh-Seminarreihe zum Tango, seinen Wurzeln und sozialpolitischen Hintergründen. „Das Thema fand großen Zuspruch“, sagte Dozentin Nicole Pflüger, „und einen ganz neuen Interessentenkreis.“ Ein Anti-Aging-Mittel für die vh, die das verstaubte Image einer reinen Bildungsstätte abschütteln will.

Einst verrucht, gilt der Tango heute als erotischster und melancholischster aller Tänze. Er entstand als Tanz der Compatriotes, der Zuhälter, im Hafenviertel und Rotlichtmilieu von Buenos Aires Ende des 19. Jahrhunderts. Seit 30 Jahren erlebt er auf dem Parkett und konzertant um Astor Piazzolla als Erneuerer des Tango-Nuevo ein Revival. Erinnerungen an diese Lichtgestalt wurden bei Tango Transit, drei Tango-Nuevo-Revoluzzern, in tango-untypischer Besetzung zwar immer mal gestreift. Doch Martin Wagner (Akkordeon) überwindet mit seinen kongenialen Mitstreitern Hanns Hähn (Kontrabass) und Andreas Neubauer (Schlagzeug) ethnische und stilistische Grenzen.

Auf der neuen CD „Blut“ wirkt „Night in Egypt“ verführerisch orientalisch, „Domovina“ (kroatisch: Heimat) ist mit wildem Balkan-Kolorit aufgemischt. Dramatik, gewagte Motivideen, schräge Harmonien im Walzer paradox, dann wieder Poesie und Charme in jeder Note – von bittersüßer Melancholie, quirliger Lebensfreude bis zum leidenschaftlichen Sturm. Ganz nah bei den Menschen (auch in Wagners Moderation), wird die Gefühlspalette der Einsam- und Zweisamkeit im Tango, der verzehrenden Sehnsucht und genussvollen Erfüllung gespiegelt. Atemberaubende Virtuosität, klangraffinierte Improvisationskunst und Solo-Ausflüge auf höchstem Niveau. Beifallsstürme, zwei Zugaben.

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