Unmöglichkeiten der Liebe

Herz und Schmerz, Kracher und Lacher: "Cyrano de Bergerac" beschert dem Theaterpublikum auf der Wilhelmsburg zweieinhalb recht unterhaltsame Stunden - vor allem dank des tollen Hauptdarstellers.

Am Ende erhebt er den Degen gegen seine wahren Feinde: Lüge, Kompromiss, Feigheit, Dummheit. Doch hat Cyrano, Kämpfer mit dem Mundwerk und dem Degen, längst gegen diese Feinde verloren: Er hat gelogen und ist Kompromisse eingegangen, er war zu feige und zu dumm - um zu seinen Gefühlen zu stehen und seine Liebe zu leben.

Dennoch ist dieser widersprüchliche Musketier, Poet und Philosoph der Held der Bühne. Und in Andreas von Studnitz Inszenierung auf der Wilhelmsburg ist Gunther Nickles in der Titelrolle von "Cyrano de Bergerac" auch wirklich ein Star. Tosenden Applaus erhielt er bei der Premiere am Donnerstagabend: für sein Porträt eines liebend Leidenden und leidend Liebenden, sprachlich souverän, trotz Mikroports nuanciert, körperlich ausdrucksvoll.

Dieser Cyrano ist einer, der sich alles traut, nur - seiner Riesennase wegen - nicht, der verehrten Roxanne die Liebe zu gestehen; ja, der sich sogar in eine paradox-masochistische Konstellation hineinbegibt und dem schön doofen Christian die Worte leiht, für ihn glühende Briefe verfasst und fiebernd souffliert, um Roxanne nahezusein.

Die Wilhelmsburg entführt dabei ins Frankreich des 17. Jahrhunderts. Die Burg als Idealkulisse - das sagt sich so leicht. Tatsächlich ist der große Platz vor dem schweigenden Gemäuer nicht so leicht zu bespielen; daher beleben die Auftritte von 20 Wieland-Azubis als Gascogner Kadetten auch wirklich die Szene.

Die Burg wird in diversen Farben illuminiert (besonders wirkungsvoll: der finale Kloster-Akt), der multifunktionale Bühnenkasten darf vor allem als Balkon für die große Dreiecks-Liebesszene dienen. Ansonsten genügen unaufwendige Requisiten (Bühne: Britta Lammers), um Orte anzudeuten: Tarnnetze fürs Feldlager, zwei Stuhlreihen fürs Theater auf dem Theater. Angela C. Schuetts Kostüme versehen die absolutistische Epoche mit Ausrufezeichen: changierende Farben, großzügige Schnitte, weite Stulpen.

Studnitz zeigt routiniert ein Spiel über Unmöglichkeiten der Liebe und die so verführerische wie trügerische Macht der Worte. Denn nicht nur Cyrano muss sich mit gedichteten Liebesschwüren begnügen: Was hat Christian außer ein paar Küssen von der Scharade, was bleibt Roxanne außer Briefen und schmerzlichen Gedanken? So geistreich Cyrano ist, so hübsch Christian, so verführerisch Roxanne - so sehr werden sie doch von ihrer Unfähigkeit geprägt, zu sich zu stehen und die Wahrheit zu erkennen.

Daher sind dies, abgesehen vom Titelhelden, auch gar nicht so dankbare Rollen. Aglaja Stadelmann immerhin verkleinert Roxanne nicht zur Stichwortgeberin und zum Püppchen. Raphael Westermeier verkörpert einen enorm blonden Christian: wie ein großes Kind, das auch nicht des Lebens froh wird. In der großen Balkonszene begeistert das Trio dank einer famosen sprachlichen Choreografie.

Das Stück mag ob seiner Opulenz und seines unverwüstlichen Heldens ein Freilicht-Klassiker sein, und doch: Dramaturgisch und psychologisch wirkt in der Tragikomödie Edmond Rostands einiges eher unbekümmert. Es ist folgerichtig, dass Studnitz in seiner Textfassung konsequent das Liebesdreieck herausarbeitet (es muss ja auch um halb zwölf fertig geliebt und gelitten sein), umkränzt von mehr oder weniger gut gezeichneten Nebenfiguren. Karl Heinz Glaser gibt den Fiesling Graf Guiche als Mischung aus aasigem Ränkeschmied und Catweazle. Die anderen Ensemblemitglieder, etwa Ulla Willick und Volkram Zschiesche, bieten ein paar nette Typen-Miniaturen.

Von Rostands Wortschwällen und Versfluten bleibt auch noch etwas übrig. Freilich hat Studnitz die manierierte Sprache zupackend modernisiert; sehr amüsant ist etwa Cyranos selbstironischer Spott über seine Nase. Anzüglich geht es zu, deftig und fröhlich.

Eine Kostprobe: Aus "Hier stürb" ich bald / Vor Durst. Ich werd erwartet in der Schenke" wird vollmundig "Ich dehydrier, bleib ich noch länger hier / Ich brauche Alkohol, am liebsten Bier." Ja, so schön reimt sich das hier.

Wenn Cyrano als Ablenkungsmänöver den Mann vom Mond spielt, sächselt er jedoch. Soll wohl bedeuten: Aus dem Osten ist gleich hinterm Mond. Das sorgt für Lacher, aber Studnitz greift wieder mal für einfache, billige Treffer in die Dialekt-Kiste. Wenn das in jeder zweiten Inszenierung eingesetzt wird - und dann noch nicht mal immer gekonnt! - nervt es irgendwann.

Letztlich sind das Fragen des Stils und des Geschmacks. Wie auch der Musikeinsatz - die Blubbersynthies und Gitarren sind hier ästhetisch gewöhnungsbedürftig. Dann zitiert Studnitz noch prominent den Police-Song "Roxanne". In dem geht es freilich um einen Mann, der sich in eine Prostituierte verliebt: "Roxanne, you dont have to put on the red light." Passt eigentlich weniger gut zu Cyrano.

Intendant Studnitz tritt aber selbst als Intendant Jodelet auf und spricht: Das "Wahre, Gute, Schöne" löse nicht die Finanzprobleme des Theaters. Ironie? Eine gute, erfolgreiche Open-Air-Spielzeit hingegen ist allemal hilfreich.


Kommentare (1)

19.06.2011 21:47 Uhr |   Bresitouffe

Cyrano auf der Wilhelmsburg

Am Anfang: gute Stimmung. Die Bühne funktioniert, man taucht in die Geschichte ein, Cyrano darf bei der ersten Begegnung mit Roxane nuanciert seine Verlegenheit zeigen, Raphael Westermeier ist endlich mal typgerecht besetzt. Dann aber nimmt der Text nach und nach alles in seinen Würgegriff. Von Studnitz hat neugedeutscht - nicht ungeschickt, er kann einige wortspielerische Pointen landen - aber muss man immer so das Publikum holen? Wo bleibt das Spiel!? Gunther Nickles ist zweifellos grandios - wichtiger wäre aber, zu zeigen, dass dieser Cyrano ein fechtender "freestyler" ist, als den Schauspieler immer wieder zeigen zu lassen, wieviel Text er behalten kannt. Wo ist da die "Straffung" ? Wo darf der Zuschauer mal fühlen oder erahnen? Beispiel Balkonszene: Vergfolger 100% auf Cyrano und Christian, letzterer mutiert dann zum nachsprechenden Roboter, Roxane weiß gar nicht mehr, wo sie noch hinschauen soll, um die beiden nicht zu sehen...
Fazit: Lieber weniger Wort- dafür mehr Spielwitz.

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

Sie können noch Zeichen als Text schreiben
Für registrierte Nutzer
Bitte anmelden, um Ihren Kommentar abzuschicken
Für noch nicht registrierte Nutzer
Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken.








Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:


Autor: MAGDI ABOUL-KHEIR | 18.06.2011

Google 1+

Transporter rast mit hohem Tempo auf Wohnmobil

Langenau Noch unklar ist die Ursache für einen schweren Auffahrunfall am Donnerstag auf der Autobahn 7 bei Langenau, bei dem ein Transporter mit extrem hohem Tempo auf ein Wohnmobil auffuhr. Drei Menschen wurden dabei schwer verletzt, eine Katze wird vermisst.... mehr
Schwerer Unfall bei Brenz

Schwerer Vorfahrtunfall auf neuer Kreuzung bei Brenz

Weil eine Autofahrerin die Vorfahrt nicht beachtete, kam es am Dienstag zu einem verheerenden Unfall auf der neuen Bundesstraße 492: Die Unfallverursacherin wurde lebensgefährlich verletzt.... mehr

Schulbus durchbricht Leitplanke und kippt um

Burgrieden/Rot Der Fahrer eines mit elf Schülern besetzten Schulbuses ist am Donnerstagmittag von der Straße abgekommen, durch eine Leitplanke gebrochen und anschließend im Graben auf die Seite gekippt. Ein Großaufgebot an örtlichen und überregionalen Kräften von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei musste zum Einsatz anrücken.... mehr

Ruf nach Heim ohne Waffen - Memminger Schütze knackte gesicherten Tresorraum seines Vaters

Memmingen/Stuttgart Nach dem Memminger Amok-Alarm fordern Grüne und Opferverbände ein schärferes Waffenrecht. Der 14-Jährige hatte Waffen des Vaters entwendet.... mehr

Fremde Feder - Hans Küng: Papst provoziert Ungehorsam

Auf dem alternativen wie auf dem offiziellen Katholikentag in Mannheim herrschten allgemein Unmut und Frustration über die Verschleppung innerkirchlicher Reformen. Im scharfen Kontrast dazu bereitet Papst Benedikt XVI. für Pfingsten offensichtlich die definitive Versöhnung der katholischen Amtskirche mit den traditionalistischen Piusbrüdern, deren Bischöfen und Priestern vor.... mehr

Feuer bei Firma Knittel in Vöhringen

Vöhringen In dem Abfallentsorgungsbetrieb Knittel in Vöhringen ist am Donnerstag ein Großbrand ausgebrochen. Plastikmüll und Altpapier standen in Flammen.... mehr