Umdenken bei Migranten nötig - Lücken im deutschen Bildungssystem

Ulm.  SPD-Politiker mit Migrationshintergrund machten sich in Ulm für Menschen mit Migrationshintergrund stark. Ihnen soll die Möglichkeit gegeben werden, verstärkt am gesellschaft- lichen Leben teilzuhaben.

Für ihren Zukunftsdialog im Café Jam hatte sich die Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis (SPD) Hilfe von ihrer Fraktionskollegin Aydan Özoguz geholt. Sie ist Integrationsbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion. Özoguz kam extra aus Hamburg mit dem Flieger, um einen Vortrag zum Thema "Integration geht uns alle an" zu halten.

Aydan Özoguz ist in Hamburg geboren und die Tochter türkischer Einwanderer. Sie hat Anglistik, spanische Sprache und Literatur studiert, ist verheiratet und hat eine Tochter. Seit 1989 hat sie die deutsche Staatsbürgerschaft. Sie war sieben Jahre lang Mitglied in der Hamburger Bürgerschaft. In ihrem Vortrag bemängelte sie, dass man in Deutschland noch lange nicht Deutscher sei, auch wenn man in Deutschland geboren wurde.

Entscheidend sei die Herkunft der Eltern. Das stört Özoguz. In den USA sei das besser, da gelte sie nicht als Migrantin, sondern als zweite Generation. Sie forderte ein Umdenken in der Gesellschaft: "Es ist immer noch das Bild da, dass Migranten ein Problem sind. Das stimmt nicht und muss sich ändern."

Özoguz ärgert sich über die Bundesregierung, weil diese die Mittel für das von der SPD-Regierung 1999 eingeführte Projekt "Soziale Stadt" um 70 Prozent gekürzt hat. Die Soziale Stadt habe die Abwärtsspirale benachteiligter Stadtteile erfolgreich beseitigt. Auch an der so genannten "Herdprämie" ließ sie kein gutes Haar: "Nicht der Staat muss zu den Müttern sagen Bleib zu Hause!", sondern die Frau muss selber entscheiden, wie sie ihr Familienleben gestaltet."

Özoguz sieht eine große Lücke im Bildungssystem, nämlich für Jugendliche ohne Schulabschluss. Manche wachten erst nach Jahren auf und stellten fest, dass sie einen Fehler gemacht hätten. Doch für eine Kehrtwende sei es oft zu spät.

Macit Karaahmetoglu ist Migrationsbeirat der SPD in Baden-Württemberg. Er ist in der Türkei geboren und kam erst als Elfjähriger nach Deutschland. Nach seinem Jurastudium wurde er Anwalt für Urheber- und Medienrecht. Karaahmetoglu hält das bisherige Bildungssystem in Baden-Württemberg für ungerecht. Es dürfe nicht sein, dass die soziale Herkunft über die Zukunft der Kinder entscheidet. Der Jurist bemängelte, dass ein Drittel der Jugendlichen mit Migrationshintergrund ohne beruflichen Abschluss dastehe. Karaahmetoglu: "In Baden-Württemberg fehlen 60 000 Fachkräfte, und das wird noch schlimmer. Wir müssen alle Menschen mitnehmen, damit auch alle am Wohlstand teilhaben können."

Die beiden Kämpfer für die Rechte der Migranten fordern, der öffentliche Dienst solle mit gutem Beispiel vorangehen und mehr Menschen mit ausländischen Wurzeln ausbilden und einstellen. Auch am gesellschaftlichen Leben müssten die Migranten beteiligt sein. Die Einführung des Wahlrechts und die doppelte Staatsbürgerschaft wären dazu notwendig. Dann würden sie auch Verantwortung tragen und die Gesellschaft mitgestalten.


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Autor: BEATE STORZ | 14.01.2012

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