Ulmer Initiativkreis rückt Zukunft in den Fokus
Ulm. Denkanstöße in Zukunftsfragen: Ex-Manager Klaus Wiegandt und Professor Hans Diefenbacher referierten über Fragen der Nachhaltigkeit.
Mineralwasser, das aus Italien importiert wird, bestellt im Freundeskreis von Klaus Wiegandt niemand mehr. Das hat der spätberufene Botschafter der Nachhaltigkeit schon in die Köpfe von vielen Menschen bringen können. Der frühere Metro-Chef, der sich nach seiner Karriere sozusagen vom Saulus zum Paulus wandelte, ist getragen von der Erkenntnis, die Zivilgesellschaft sei nicht ausreichend informiert. Um diesen Mangel zu beheben, gründete er eine Stiftung und brachte bislang 4000 Buchseiten heraus. Seine zentralen Thesen trug er auf Einladung des Ulmer Initiativkreises nachhaltige Wirtschaftsentwicklung (UNW) unter der Überschrift "Zukunft braucht Verantwortung" im Stadthaus vor.
"Wir wissen seit mehr als 30 Jahren, dass wir auf einem falschen Kurs sind. Trotzdem leben wir so über unseren Verhältnissen, dass wir uns jeden Tag weiter von der Nachhaltigkeit entfernen", konstatiert Wiegandt. Er hat drei Gründe ausgemacht, die den Status quo zementieren. Erstens: Eine Umsteuerung findet nicht statt, weil so gravierende Änderungen nötig sind, dass kein Politiker dies ohne breite Unterstützung der Bevölkerung bewerkstelligen würde ("aber nirgendwo läuft ein entsprechender Diskurs"). Alle Preise im Weltwirtschaftssystem seien falsch, weil die ökologischen Kosten nicht eingerechnet sind. Insbesondere Energie sei viel zu billig. Zweitens: Die Wirtschafts- und Politikelite glaubt, über Innovationen und dynamisches Wirtschaftswachstum seien die Probleme zu lösen ("es braucht durchaus neue Technologien, aber eben auch eine Verhaltensänderung, sonst führt dies nicht zu mehr Nachhaltigkeit"). Drittens: Jene, die hervorragend am bisherigen System verdienen, verteidigen es.
Wiegandt schlägt vor, die Zivilgesellschaft über Bildung zu mobilisieren. "Alle Ministerpräsidenten könnten damit anfangen und im Unterricht das Fach Nachhaltigkeit einführen." Getragen von einem breiten Wissenstand in der Bevölkerung, könne die Politik in die Lage versetzt werden, an den Stellschrauben zu drehen. Der Ex-Manager setzt zudem auf einen aufgeklärten Verbraucher, der Industrie und Handel zum Umdenken zwingt.
Wenn viele Menschen auf dem Pfad der Nachhaltigkeit unterwegs sind, führt das irgendwann zu Umschlageffekten, meint auch der Beauftragte für Umweltfragen der evangelischen Kirche, Professor Hans Diefenbacher. Neben einem nachhaltigen Einkaufsverhalten geht es aus seiner Sicht im Wesentlichen um die energetische Sanierung von Altbauten, die Ökologisierung der Fahrzeuge und ein ökologisches Beschaffungswesen.
"Wir blicken zu sehr auf die globale Dimension und sehen oft nicht mehr, was lokal machbar ist", gibt Diefenbacher zu bedenken. "Drehen wir doch das Fernglas um: Wo sind die regionalen Möglichkeiten, zur Problemlösung beizutragen?" Stichwort Energie: Wo kann in der Region Energie erzeugt werden? Stichwort Finanzen: Kann nach Raiffeisen-Vorbild in der Region Geld eingesammelt und dort auch wieder investiert werden? Der Volkswirt redete indes nicht der Autokratie das Wort, er denkt vielmehr an ergänzende Systeme.
Die Referenten stellten sich auch einer Diskussion mit Jessica Kulitz (CDU-Stadträtin), Tobias Edelmann (Geschäftsführer Klowa) und Danny Fuchs (Projektleiter Grüner Zweig) über die Frage, wer in Nachhaltigkeitsfragen Verantwortung übernehmen kann, soll und muss.
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Autor: REGINA FRANK | 10.05.2010
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