Ulmer Erfolgsgeschichte dieses Sommers: die Kulturfahrschule

Allein der Name "Kulturfahrschule" klingt schon nach Bewegung: Tatsächlich ist diese temporäre Kultur-Location am Ehinger Tor ziemlich ins Rollen gekommen und angesagt. Die freie Szene dankts.

MAGDI ABOUL-KHEIR |

In einer Garage zeigen junge Schauspieler ihr Stück "Arabischer Frühling", während im Hof letzte Vorbereitungen zu einer Fahrrad-Performance laufen, und im ersten Stock bereitet sich eine Band schon auf ihren Gig vor. Nur eine Momentaufnahme aus der Kulturfahrschule. In deren Räumen wird dieser Tage ziemlich viel geboten.

Denn dort, wo Munk Immobilien einen neunstöckigen Büro- und Wohnkomplex namens "Das Y" bauen will, findet derzeit Kultur von A bis Z statt. Die Lage ist ideal: direkt am Ehinger Tor, in einem Abrisshaus. Wenn eine Wand also mal Kratzer abbekommt - seis drum. Und mehr als 1000 Quadratmeter Platz bedeutet viel Raum für Ideen.

Die Kulturfahrschule - in den Räumen residierte einst unter anderem die Fahrschule Seitz - ist aus privater, ehrenamtlicher Initiative entstanden. Grünen-Stadträtin Annette Weinreich hat das "Zwischennutzungsprojekt" mit angeschoben, die Stadtverwaltung verhielt sich recht unbedenkenträgerisch, zudem gibt es ins Kulturhauptamt einen guten Draht. Die Stadtwerke sind mit im Boot, und die Firma Munk sieht das Projekt ebenfalls positiv. Reibereien mit Anliegern? Sind - Stichwort Lärm - nicht zu leugnen, aber halten sich im Rahmen.

Anfang Juni wurde die Kulturfahrschule eröffnet, Anfang Juli begann das Veranstaltungsprogramm. In wenigen Wochen hat sie sich vom Geheimtipp zur festen Größe im Kulturleben entwickelt. Es ist spürbar, dass Zelt-Saison, Donaufest und Flussmeisterei vorbei sind und das Roxy Ferien macht. Was den Publikumszuspruch betrifft, "ist es ein absoluter Erfolg", sagt Martin Leibinger, "und es werden immer mehr." Der Grafikdesigner koordiniert das Projekt mit dem Eventmacher Andreas Dukek-Haferkorn und dem Musiker Reinhard Köhler.

In der Kulturfahrschule geben Bands recht kurzentschlossen Konzerte, dank Facebook schauen dann eben doch 100 Leute vorbei. Und wenn jemand, wie am Schwörmontag, einen Jarmusch-Film ans Nachbargebäude projizieren will, geht auch das - eher ein Schattenspiel, aber doch eine atmosphärische Bereicherung.

Ohnehin findet in der Kulturfahrschule stets mehr als nur eine Sache statt. Die Kulturloge ist eingezogen, es gibt Foto-Aktionen und Poetry Slams, Konzerte und Theateraufführungen. Der geräumige, verwinkelte Häuserzug bietet zudem Flächen, Wände und Ecken für Ausstellungen, Installationen und Performances. Im Keller leitet Mark Klawikowski einen Workshop im Roboter-Basteln. Hinzu kommt ein eigener Internet-TV-Sender. Die Bar "Oberdeck" hat sich zum angesagten Nachtschwärmer-Treff entwickelt, und eine "Fruchtrausch"-Filiale bietet Vitamine.

Selten trifft der Begriff "work in progress" so zu wie hier. Alles ist im Fluss, alles ist temporär und spontan. Inspiration und Improvisation sind Trumpf. Das Projekt verknüpft Kunst, Architektur und öffentlichen Raum. Das zentrale Thema lautet dabei, wie könnte es anders sein, "Wandel". Teile des Projekts tragen fahrschulmäßige Titel wie "Anfahren", "Wenden in drei Zügen", "Schulterblick" und "Spurwechsel". Apropos Wechsel: Am 11. August werden die - sehenswerten - Ausstellungen wieder gewechselt.

Der Bedarf der Kulturszene an einem solchen Spiel-, Experimentier- und auch Spaßort scheint enorm zu sein. Allein am vergangenen Wochenende gab es eine Aufführung des AdK-Jugendclubs, zwei Performances in Susanne Maiers "Zyklus"-Reihe, eine Vorführung interaktiver Filmprojekte von Talenten des Studiengangs Digital Media der Hochschule Ulm und zwei Konzerte. Programm findet jeden Donnerstag, Freitag und Samstag statt, montags ist Jam Session und Künstlerstammtisch. "Wir werden mit Anfragen überschwemmt", sagt Dukek-Haferkorn, "und könnten bis Jahresende weitermachen."

Dazu wird es nicht kommen. Die Kulturnacht am 15. September wird das Highlight, am 30. September ist Schluss - dann kommt die Abrissbirne. Die Kulturfahrschule soll aber präsent bleiben, die jetzt etablierte Marke möchten die Macher, die zuvor das Universum-Center mit Aktionen belebt hatten, unbedingt erhalten. "Wo und in welcher Form, wissen wir noch nicht", sagt Leibinger, "virtuell auf jeden Fall".

Und die Finanzen? "Wir werden wohl auf Null rauskommen." Sponsoren werden zwar gesucht, das laufe freilich eher "mau".

Sonst aber ist an der Kulturfahrschule kaum etwas mau: Wird das Gebäude auch abgerissen, so ist die Idee nun in der Welt.

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