Klang-Mysterium im Treppenhaus

Mit der Uraufführung "Sirens" aus der Feder des Ulmer Klarinettisten Michael Riessler erlebte das Publikum im Stadthaus ein raumfüllendes Musikereignis - von Vogelstimmen und großem Chor getragen.

Auf dem im CD-Format festgehaltenen Mitschnitt eines Konzerts im Kopenhagener Louisiana, einem der populärsten Museen für moderne Kunst, hatte Michael Riessler seinen konzeptionellen Ansatz im vergangenen Jahr bereits festgehalten. Eine musikalische Reflektion über das Thema Fliegen und die Symbolkraft des Vogels, zugleich eine Hommage an das Faszinosum der Natur, die uns getrillerte Melodien und gezwitscherte Loops beschert. Riessler, elektrisiert durch eine CD der Unesco, die Vogelstimmen ausgestorbener und bedrohter Spezies dokumentiert und zwar ohne jegliche Umgebungsgeräusche, wählte für die Ulmer Uraufführung "Sirens" im Stadthaus nun zur neuen Umsetzung einen großen Klangapparat.

Zunächst allerdings erlebte man Riessler ganz allein im Treppenhaus, zwischen dem zweiten und dritten Geschoss auf der Treppe sozusagen im architektonischen Schwebezustand, fiepsend und hauchend, mit einem verschlungenen Miteinander von Basslinien und Zwischentönen an der Bassklarinette, dank einer zur Perfektion getriebenen Zirkulationsatmung. So in das Flugmoment hineinhyperventiliert, interagierte der Solist mit Vogelstimmen vom Zuspielband, die ihrer tontechnischen Klarheit schon bald beraubt werden sollten. Bearbeitet und zudem mit Stimmen und dunklem Pochen vermischt steuerte die Klangreise ihrem ersten eruptiven Höhepunkt zu.

Noch dichter sollte das Werk mit dem Einsatz des Madrigalchors der Musikhochschule München unter der Leitung von Martin Steidler werden. Den freien Raum im musikalischen Konzept suchend, hatte man nicht etwa über Tage hinweg im Stadthaus und dort mit seinen Möglichkeiten gespielt, sondern sich ganz auf die Tragfähigkeit der Komposition und die spezifischen Rundungen und Kanten des Gebäudes verlassen. Und die Rechnung ging auf, denn das Publikum, zu großen Teilen im zweiten Geschoss platziert, erlebte weit mehr als nur ein quadrophonisches Hörerlebnis. Während die Frauen des Chors das Publikum im zweiten Stock in die vokalistische Zange nahmen, schienen die Männerstimmen fast aus jeder Ritze des dritten Stocks hinabzuströmen.

Schnell war man gefangen im geheimnisvollen Sog von Lauten, flatternder Vokalkraft, die sich bisweilen zum dunklen, schauerschönen Getöse auswuchs, das die Vorahnung des Unumkehrbaren mit sich trug, und Männerschreien. Man fühlte sich dem Kampfgebraus der Odyssee ganz nah, als die akustischen Wogen immer höher schlugen und die Orientalik im Spiel Riesslers vom Sturm des Jetzt hinweggerissen wurde. Kurz sammelte sich das Ensemble zum rhythmisch-tonalen Ventilgeklapper des Klarinettisten, dann nahm der Klangsturm erneut Fahrt auf, noch gewaltiger und mitreißender, ein riesiger Schwarm der Stimmen, darin gefangen und solistisch und voller Virtuosität im Strudel nach oben strebend der Komponist am Instrument. Dann nur noch Fläche, tonale Entspannung und Noten im Gleitflug, am Horizont ein heller Schein. Ausblende für eine vage Hoffnung oder ewige Gefangenschaft im Netz der Sirenen? Lang anhaltender Beifall.


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Autor: UDO EBERL | 07.02.2012

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