Georgskirche: Schädliche Kraft des Windes
Ulm. An der Georgskirche bröckelt es. Ein Jahr hat es gedauert, die Schäden zu ermitteln und die Sanierung vorzubereiten. Jetzt gehen die Arbeiten los. Sie nehmen Rücksicht auf Denkmalschutz und brütende Falken.
Die Verantwortlichen von der Georgskirche hat es vor einem Jahr sozusagen kalt erwischt: "Es war eine routinemäßige Baubegehung mit dem Denkmalschutz, mit der wir um 16.30 Uhr oben auf dem Turm waren - und um 18.30 Uhr war unten alles schon abgesperrt", erinnert sich Günter Drollinger vom Kirchengemeinderat. Mit "unten" ist der Kirchplatz vor St. Georg gemeint, auf dem seit Jahresfrist Baugitter stehen und großräumig den Zugang zum Haupt- und zu einem Nebeneingang verhindern.
Grund für das rasche Handeln war, dass bei der Begehung massive Bauschäden am Turm festgestellt wurden: An allen Schallfenstern der Glockenstube zeigten sich Risse im Maßwerk - so heißen die filigranen Stein-Verzierungen in den Spitzbögen gotischer Fenster. An manchen Stellen der schmalen Stützen des Maßwerks waren ganze Steinbrocken locker oder schon ganz herausgefallen.
Die Ursache für die Schäden erklärt Architekt Raimund Amann: "Bei der letzten Sanierung des Turms im Jahr 1982 wurden Schallläden aus Holz eingebaut, um den Schall nach oben abzuleiten." Die hölzernen Lamellen, die jeweils 7 Meter hoch und 2,50 Meter breit sind, wurden direkt an den Fenstern befestigt - und die Erschütterungen durch den Winddruck führten im Lauf der Jahre zu den Schäden am Maßwerk.
Die Schallläden sind damals auf Empfehlung der Diözese eingebaut worden, sagt Martin Fricker vom Bauausschuss der Georgsgemeinde. Weil es andernorts Beschwerden wegen des Glockenlärms gab - in Ulm aber nicht.
Ein anderer akuter Schaden, der Anfang März in einer Art Notoperation behoben wurde, betraf eine von vier Fialen um den Turmkranz: Hier war Feuchtigkeit in den Sockel der steinernen Verzierung eingedrungen, so dass akute Absturzgefahr bestand. Mit einem Autokran wurde das Zierstück vom Turm geholt, gerichtet und in der Zwischenzeit schon wieder eingebaut.
In den vergangenen Monaten wurde in Absprache mit Fachleuten und Experten vom Denkmalamt ein Plan für die Sanierung gemacht. Jetzt geht es los: Derzeit wird am Turm der katholischen Kirche ein Gerüst aufgebaut, das bis auf Höhe der Uhr - also rund 50 Meter - reichen wird. Das markante fünfzackige Kupferdach selbst wird nicht eingerüstet. Fricker: "Wir werden das Dach zwar bei dieser Gelegenheit auf Schäden untersuchen, aber wir hoffen, dass wir da keine unliebsamen Überraschungen erleben." Die Metallabdeckung ist seines Wissens noch original von 1903, als die Georgskirche vom Architekten Max Meckel gebaut wurde.
Das Gerüst wird an der Vorderseite der Kirche hochgezogen und dann über dem Satteldach rings um den Turm geführt, um an alle Fenster der Glockenstube zu kommen. Bei der Sanierung wird Rücksicht auf die Belange des Denkmalschutzes genommen.
Außerdem gibt es einen zweiten Punkt, der Rücksicht erfordert: Im Kirchturm brüten Wanderfalken. Während die geschützten Vögel brüten und ihre Jungen aufziehen, darf am Turm "keine Bautätigkeit erfolgen", sagt Architekt Amann. Deshalb gibt es von Ende Februar bis etwa Ende Mai eine erzwungene Pause. "Wir hoffen, dass wir es vorher schaffen, die kaputten Steine abzumessen. Dann können die Fachfirmen währenddessen die Ersatzstücke aus Betonstein gießen."
Martin Fricker betont, dass die Wanderfalken kein Ärgernis seien: "Wir sind froh über die Vögel - denn seit sie hier wohnen, haben wir kein Problem mehr mit Tauben."
Die Verantwortlichen hoffen, dass zum Jahresende das Gerüst abgebaut werden kann. Für die anderen Sanierungsarbeiten am Sockel der Kirche, wo der Kalkstein bröselt und es Schäden an Treppen und der Rollstuhlrampe gibt, ist es nicht mehr nötig. Da kommen die Handwerker dann ohne Hilfen direkt an die beschädigten Stellen oder "wir brauchen mal kurz einen Hubsteiger", so Fricker.
Die Kosten der Sanierung werden derzeit auf 1,7 Millionen Euro geschätzt. Dazu wird es einen Zuschuss vom Denkmalamt geben, dessen Höhe aber noch nicht feststeht. Einen Teil des Geldes übernimmt die katholische Gesamtkirchengemeinde Ulm. Die Georgsgemeinde selbst wird etwa 20 Prozent der Summe aufbringen müssen. Günter Drollinger: "Wir hoffen auf Spenden - und werden im Sommer nach der Einweihung unserer Kapelle im Anna-Stift nahtlos mit dem Spendensammeln weitermachen."
Einen Vorteil hat die Gemeinde aber vorher schon. Wenn das Gerüst steht und mit Netzen zugehängt ist, können die Bauzäune weggeräumt werden, der Haupteingang ist wieder offen und der Kirchvorplatz kann wieder genutzt werden. "Das ist besonders für Ostern wichtig, weil wir dort unser traditionelles Osterfeuer entzünden", freuen sich Fricker und Drollinger.
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Autor: VERENA SCHÜHLY | 08.02.2012
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