An Schulen nicht improvisieren

Ulm.  Die Wirtschaft befasst sich kritisch mit der Gemeinschaftsschule. Es gebe jedoch keinen anderen Weg, Familie und Beruf besser zu vereinbaren und die Chancen von Kindern zu verbessern, urteilt die IHK Ulm.

Die geplante Einführung der Gemeinschaftsschule ruft Vertreter der Wirtschaft wie die IHK und Handwerkskammer Ulm sowie den Arbeitgeberverband Südwestmetall auf den Plan. Aus Sicht der IHK sind noch viele Fragen ungeklärt. So dürfe der neue Schultyp keinesfalls dazu führen, dass Schul- oder Wohnortwechsel erschwert werden. Es müssten schulische Anschlüsse ohne Zeit- und Reibungsverluste gewährleistet sein.

Auch die Randbedingungen für die Gemeinschaftsschule machten die regionale Wirtschaft nachdenklich. So solle die individuelle Förderung der heterogenen Lerngruppen mit lediglich zwei zusätzlichen Lehrerwochenstunden pro Lerngruppe gestemmt werden. Die IHK bezweifelt, dass die Lehrer auf diese Weise die notwendigen Freiräume erhalten, "um das ehrgeizige pädagogische Konzept erfolgreich umsetzen zu können". Es müssten auch handwerkliche Fehler bei der Einführung von Fächerverbünden vermieden werden. Einheitliche Bildungsstandards und -materialien müssten von Beginn an zur Verfügung stehen. Dazu Hauptgeschäftsführer Otto Sälzle in einer Mitteilung: "Es darf nicht wieder über Jahre an den Schulen improvisiert werden."

Mehr als die Hälfte der Azubis in den IHK-Berufen haben einen mittleren Schulabschluss, ein Viertel einen Hauptschulabschluss und etwa ein Fünftel das Abitur. Die meisten Auszubildenden für die Unternehmen kommen daher aus der Realschule. Sälzle: "Hier besteht aus Sicht der regionalen Wirtschaft kein Änderungsbedarf." Er sieht auch die Werkrealschulen auf gutem Weg. Die flächendeckende Einführung von Ganztagesschulen habe für die Wirtschaft vor dem Hintergrund der Vereinbarkeit von Familie und Beruf und zur Verbesserung der Chancen von Kindern aus bildungsfernen Schichten Priorität. Man wolle diese Schulart mit Partnerschaften unterstützen.

Götz Maier von Südwestmetall betont, die Fortentwicklung der Schullandschaft sei für die regionale Wirtschaft "eine Standortfrage allerersten Ranges". Nur so könne der Fachkräftebedarf gesichert werden. Die Schulstruktur habe sekundäre Bedeutung. Vielmehr sei das pädagogische Konzept entscheidend. Es müsse eine flächendeckende Berufsorientierung geben.

Bei der Handwerkskammer Ulm reagiert Präsident Anton Gindele erfreut auf die Gemeinschaftsschule: "Darauf haben wir dringend gewartet." Seine Argumentation lautet wie folgt: "Wir bauen auf die Gemeinschaftsschule, denn gerade im Handwerk steigen die Anforderungen an die Qualifikation kontinuierlich, und die Betriebe sind auf leistungsstärkere Auszubildende angewiesen." Die Gemeinschaftsschule müsse jetzt unter Beweis stellen, dass sie leiste, was die Hauptschule in vielen Bereichen in den zurückliegenden Jahren vermissen ließ.

Das Handwerk zwischen Ostalb und Bodensee verspreche sich von der Gemeinschaftsschule eine Verbesserung der Ausbildungsreife der Jugendlichen und eine durchgängige berufliche Orientierung. Gindele: "Wir müssen aufpassen, dass sich die Gymnasien diesen Ideen nicht entziehen. Da muss dringend nachgebessert werden."

Auch fehle es noch an konkreten Inhalten. Unklar sei zum Beispiel, woran ein Handwerksbetrieb erkennen könne, über welchen Wissensstand ein Bewerber oder Praktikant aus der Gemeinschaftsschule verfügt. Denn Bewerbungen erfolgten häufig schon im Jahr vor dem eigentlichen Schulabschluss. Die Betriebe bräuchten ein transparentes Bewertungssystem. Die Gemeinschaftsschule müsse über eine fest verankerte Berufsorientierung direkt in die duale Ausbildung führen.


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Autor: KÖ | 09.02.2012

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