Gesicht bewahren
Ulm/Gannertshofen. "Hoffentlich brauchen sie mich nie", sagt Werner Roschmann. Der Epithetiker fertigt künstliche Gesichtsteile für Tumorpatienten und Strahlenopfer an. Ein Beruf zwischen Handwerker, Künstler und Heiler.
Vielleicht muss man einiges erlebt haben, um diesen Beruf auszuüben. So wie Werner Roschmann. Der Mann ist auf einem Bauernhof groß geworden, als junger Bursche mit dem Motorrad durch die Weltgeschichte gefahren, war Sanitäter bei der Bundeswehr, hat drei Herzinfarkte überstanden. "Harte Lebenserfahrung", nennt der 58-Jährige das unpathetisch - sie ist wohl vonnöten, wenn man es in der täglichen Arbeit mit Menschen zu tun hat, denen das Schicksal hart mitspielt.
95 Prozent von Roschmanns Patienten sind Tumorpatienten. Die Diagnose "Krebs" ist oft schlimm genug, doch in Roschmanns Fall handelt es sich meist um Menschen mit bösartigen Tumoren im Gesicht oder am Kopf: Zur Belastung durch die Krankheit kommt - nach der Operation - die Entstellung, die Scham, die Angst vor Ausgrenzung.
Mitleid? Ist im Beruf fehl am Platz, sagt Roschmann. Aber mögen muss man die Menschen, sie an sich heranlassen, ohne jede Berührungsangst. "Ich rede mit meinen Patienten offen über Leben und Tod und wenn nötig, nehme ich sie auch in den Arm."
Dass man täuschend echt aussehende künstliche Gesichtsteile aus Silikon herstellen und Versehrten anpassen kann, hat Roschmann erstmals während einer Klinikbesichtigung in den USA gesehen. 1983 war das, er arbeitete damals in Los Angeles als Zahntechniker. "Ich war fasziniert." Von der Technik namens Epithetik, aber auch davon, dass Menschen, die sich zuvor kaum mehr aus ihrer Wohnung getraut hatten, plötzlich wieder am Leben teilnehmen konnten.
Seit 1995 betreibt der gebürtige Pfuhler ein eigenes Labor, mittlerweile in Gannertshofen bei Illertissen. Roschmann, der sich mit zahlreichen Publikationen im In- und Ausland einen Namen gemacht hat und seit 2004 Ehrendoktor der Universität Yorkshire ist, ist einer von nur etwa 30 Epithetikern in Deutschland. Außer Patienten der Uni-Klinik Ulm ("meine Hausklinik") versorgt er Patienten in ganz Süddeutschland und Österreich.
Epithetik ist ein Handwerk. Anhand von Fotos, Gesprächen mit Patienten und Angehörigen, fertigt Roschmann in seinem Labor zuerst ein Wachsmodell des zu ersetzenden Körperteils an. Fehlt die präzise Vorlage, orientiert er sich am goldenen Schnitt. Zum Beispiel? "Der Winkel des Ohrenrandes eines Menschen entspricht dem Winkel seines Nasenrückens, das erste Daumenglied der Breite der Augenlidspalte." Auf das Wachsmodell folgt eine Gipsform, in die farblich passendes Silikon hineingegossen und ausgehärtet wird. Je nachdem müssen auch Wimpern oder Augenbrauen eingenäht, Leberflecke oder Narben imitiert werden. Denn ist die Epithese erst im Gesicht fixiert, soll nicht mehr sichtbar sein, dass es sich um ein "Kunstwerk" handelt. Durchschnittlich fünf Sitzungen mit dem Patienten sind pro Anfertigung notwendig, sagt Roschmann, der jährlich etwa 50 Menschen versorgt. "Manche Patienten verliere ich nach einem Jahr, manche leben länger als 20 Jahre."
Nicht nur Krebspatienten benötigen Epithesen, sondern auch Unfall- oder Strahlenopfer mit angeborenen Fehlbildungen. Wenn Roschmann im Ausland Fortbildungskurse gibt - was er regelmäßig tut - kommt es immer wieder vor, dass Mediziner ihn um Hilfe bitten. Zuletzt hat er einen 25-Jährigen, ein ehemaliges "Tschernobylkind" aus der Ukraine, das ohne Nase zur Welt gekommen war, mit einem künstlichen Riechorgan versorgt, wie immer in solchen Fällen auf eigene Rechnung. Die Dankbarkeit der Patienten sei ihm dann Lohn genug, sagt der 58-Jährige. "Ich bekomme in meinem Beruf viel zurück."
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Autor: CHRISTOPH MAYER | 09.02.2012
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Durchschnittlich 25 bis 40 Arbeitsstunden braucht Werner Roschmann, um eine Silikon-Epithese anzufertigen. Foto: Volkmar Könneke
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