Energieprofis sollen über Tellerrand gucken
Ulm. Rund 70 Prozent der Gebäude in Ulm sind energetisch unzureichend saniert. Das soll sich ändern. Mit einer Qualifizierung zum "Energiefachbetrieb" wollen Kreishandwerkerschaft und SWU Handwerker fit machen.
Die von der Politik vorgegebene Messlatte beim Klimaschutz hängt hoch: Bis 2050 sollen bundesweit 80 Prozent der aktuellen CO2-Emissionen eingespart werden. Der Schwarze Peter liegt längst nicht nur bei Industrie und Autoverkehr. Für ein Drittel der Emissionen sind Privathaushalte verantwortlich, wobei entweichende Heizenergie mit 85 Prozent den Löwenanteil ausmacht. Man muss in diesem Zusammenhang wissen: Nahezu 70 Prozent der Häuser in Deutschland wurden vor dem Jahr 1979 gebaut und sind entsprechend unzeitgemäß gedämmt.
"Auch in Ulm sind die meisten Wohngebäude energetisch dringend sanierungsbedürftig", sagt Jürgen Schipek. Der neue Energieeffizienzmanager der Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm (SWU) sieht in den Haus- und Wohnungseigentümern den Schlüssel für die erhoffte Energie(spar)wende. Wie aber kommt man an diese Gruppe heran? Über die Handwerksbetriebe, ist die Antwort, die in den den Haushalten quasi ein- und ausgehen, zumindest aber gute Kontakte zu ihrer Kundschaft pflegen.
Genau an dieser Schnittstelle zwischen Endverbraucher und Fachmann setzt eine Kooperation von SWU und Kreishandwerkerschaft an, die - so behaupten die Initiatoren jedenfalls - bundesweit einmalig ist: Gemeinsam bietet man seit kurzem eine "Zertifizierung zum Ulmer Energiefachbetrieb" an. In einem mehrtägigen Seminar können sich Betriebsinhaber, leitende Mitarbeiter, Vorarbeiter oder Monteure zu "Energieprofis" weiterbilden lassen. Wohlgemerkt nicht zu Energieberatern, wie Thomas Jung, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, betont.
Vielmehr gelte es, die einzelnen Fachleute über ihren jeweiligen Tellerrand gucken zu lassen, was konkret heißt: Der Fensterbauer lernt zum Beispiel etwas über Dachsanierung, der Heizungsbauer etwas über Fenster, der Elektriker über Gebäudehüllen - und alle gemeinsam werden zu Experten in Sachen Fördermittel, um ihre Kunden entsprechend beraten zu können. Rund 900 Handwerksbetriebe in Ulm sind dafür die Zielgruppe, sagt Jung. Ein erster Kurs mit 20 Teilnehmern sei gleich überbucht gewesen.
Der Ulmer Baubürgermeister Alexander Wetzig unterstützt die Kooperation ausdrücklich. "Wenn wir wirklich Fortschritte bei der energetischen Sanierung machen wollen, brauchen wir ein qualifiziertes Handwerk und eine enge Verzahnung mit Stadt und Stadtwerken." Die Begeisterung über den Bau moderner Energiesparhäuser oder den Titel "Solarhauptstadt Ulm" dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, "dass unsere Stadt längst gebaut ist", sprich: der bauliche Altbestand von heute auch noch in 50 Jahren stehen wird.
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Autor: CHRISTOPH MAYER | 08.02.2012
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