Schwaben auf Wanderschaft
Ulm. Ulm schaut die Donau hinab und blickt in seine eigene Geschichte. Mit einer Flut von Ausstellungen, Veranstaltungen und Festen feiert Ulm im Jahr 2012 drei Jahrhunderte Migration entlang des Flusses.
Die meisten Donauschwaben waren gar keine Schwaben. Das Gros jener Auswanderer, die im 17. und 18. Jahrhundert ihre Heimat in Deutschland verließen, um sich entlang der Donau, in Ost- und Südosteuropa niederzulassen, stammte aus der Pfalz, aus Franken, Lothringen, dem Elsass und Bayern.
Die einzig echten Schwaben waren die Sathmarer Schwaben. Benannt sind die nach dem Ziel ihrer Auswanderung: dem Komitat Sathmar, einer Gegend, die heute in Rumänien liegt. 1712 gehörte Sathmar zum Königreich Ungarn. Bevor die Sathmarer Schwaben nach Sathmar kamen, waren sie Oberschwaben und Bürger des Herzogtums Württemberg; überwiegend Bauern, die es in der Heimat schwer hatten, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
"Sie folgten den Versprechungen auf eine bessere Zukunft", erklärt Christian Glass, der Leiter des Donauschwäbischen Zentralmuseums (DZM). Denn eine Zukunft hatten viele Menschen in Oberschwaben nicht: "Armut, Überbevölkerung und das Erbrecht", nennt Glass als Gründe für viele Auswanderer. Kein Wunder, dass schnell 600 Familien dem Werben des Grafen Alexander Károlyi folgten. Der war 1712 Grundherr von Sathmar und hatte sich zum Ziel gesetzt, die Zahl seiner Untertanen - und damit das Steueraufkommen - zu erhöhen. Also stellte er Werber an, die man sich Glass zufolge "wie Versicherungsvertreter" vorstellen kann. Fündig wurden die Agenten auch in Oberschwaben. 1712 liefen die ersten "Ulmer Schachteln" aus, jene einfachen Holzboote, auf denen die Siedler die Donau hinabfuhren. Ihnen folgten viele weitere. Bis zum Jahr 1815 siedelten sich rund 2000 Württemberger im Komitat Sathmar an.
Eine eher geringe Zahl, angesichts der Gesamtzahl der Donauschwaben. Mit genauen Zahlen zur Donau-Migration tun sich die Historiker schwer. Glass schätzt, dass sich 200.000 bis 400.000 Menschen, teils staatlich gelenkt, teils aus eigener Initiative, im 18. Jahrhundert entlang des Flusses niederließen. Auch wenn die Donau-Migration bereits 20 Jahre früher begann. Die Stadt Ulm greift das Jubiläum jetzt auf: 1712 bis heute. "300 Jahre Aufbruch entlang der Donau". Unter diesem Titel versammelt die Stadt eine ganze Reihe von Veranstaltungen, die über das Jahr verteilt stattfinden. Mit im Boot der Organisatoren sitzen neben der Stadt, das DZM, das Donaubüro, das Institut für donauschwäbsche Geschichte und Landeskunde in Tübingen (IdGL) und viele Vereine. Die geplanten Aktionen sind vielfältig:
Die Fotoausstellung "Wie weit weg ist ganz verschwunden?" läutet das Gedenkjahr ein. Sie wird vom Stadthaus organisiert (vom 31. März bis 24. Juni).
Den feierlichen Auftakt des Jubiläumsjahrs markiert ein Ökumenischer Festgottesdienst in der Wengenkirche (6. Mai).
Am 10. Mai eröffnet das DZM die Ausstellung: "Schwaben an der Donau. Kolonisation im 18. Jahrhundert und ihre Folgen". Die Schau läuft bis zum 9. September, an ihrer Erarbeitung sind Partnermuseen in Ungarn, Rumänien und Serbien beteiligt. Die Ausstellung wird nach Ulm in sieben weiteren Städten entlang der Donau gezeigt.
Parallel läuft im DZM eine Ausstellung über die Region Sathmar. Im Begleitprogramm: Veranstaltungen mit Chören, Musik-, Tanzgruppen.
Am Wochenende vom 11. bis 13. Mai startet am Freitag eine Open-Air-Ausstellung: An Plätzen, die für die Auswanderung von Bedeutung sind, werden Tafeln aufgestellt, anhand derer Besucher die Stadt auf den Spuren der Auswanderer erkunden können. Abends steigt ein Fest, am Samstag findet dann eine Tagung der Europäischen Donauakademie statt.
Die Stadtbibliothek zeigt in der Zentralbibliothek die Ausstellung "Die Donau als Reiseweg - Reiseführer und Karten des 18. und 19. Jahrhunderts" (15. Mai bis 13. Oktober).
Im Juli zeigt das DZM die Wanderausstellung "Der Mensch - der Fluss", die von jungen Künstlern aus Ländern entlang der Donau gestaltet wird
Am 12. und 13. Oktober kommen Wissenschaftler nach Ulm, um im Stadthaus eine Tagung abzuhalten, die das Tübinger IdGL plant. Der Titel: "Migration und Mythen". Ein bezeichnender Titel. Denn dass die ersten Donauschwaben bereits einige Jahrzehnte vor den "Sathmarer Schwaben" die Donau hinabfuhren und ihr Heil in der neuen Heimat im Südosten Europas suchten - Schwamm drüber. Es interessierte ja auch lange Zeit niemanden, dass die meisten Donauschwaben überhaupt keine Schwaben waren.
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Autor: AXEL HABERMEHL | 02.01.2012
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Auch am historischen Ulmer Rathaus dokumentiert: Schwabenzüge auf Ulmer Schachteln. Foto: Volkmar Könneke
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