Ubuntu an der Donau
Neue Kirchenmusik aus Südafrika führen der Chor der Neu-Ulmer Petruskirche und der Kirchenchor Ermingen am Wochenende auf. Das Besondere: Komponist David Orr aus Kapstadt wird die Konzerte leiten.
"Ubuntu" heißt das Projekt, bei dem die Chöre der evangelischen Petruskirche und der katholischen Gemeinde St. Pankratius in Ermingen gemeinsame Sache machen. Ubuntu? Das ist das Schlagwort, unter dem in Südafrika das Zusammenleben verschiedener Ethnien propagiert wird. "Ich weiß nicht, ob das Zulu oder Xhosa ist," sagt David Orr, der halb irischer, halb schottischer Abstammung ist.
Orr ist erst 32, aber schon der Kirchenmusikdirektor an der wichtigsten anglikanischen Kirche in Südafrika, der St. Georges Cathedral in Kapstadt. Dort wirkte bis vor wenigen Monaten Bischof Desmond Tutu, eine der Ikonen des Ubuntu. "Soweit ich weiß, bedeutet Ubuntu: Ich bin so, wie ich bin, weil du so bist, wie du bist", versucht sich Orr an einer Übersetzung. Ubuntu ist also das Credo einer multikulturellen Gesellschaft.
Doch wie kommt Ubuntu jetzt nach Ulm? Marina Staiger, die Leiterin des Erminger Kirchen- und Kinderchores, erzählt: "Ich habe vor zwei Jahren eine Hospitation in Südafrika gemacht. Und weil mein Sohn Paul Jonathan damals bei den St. Georgs-Chorknaben gesungen hat, machte ich auch einen Besuch in der St. Georges Cathedral." Dort hörte sie erstmals eine Komposition David Orrs, der an der Kapstadter Kirche eine Kantorei mit drei Chören leitet. "Die Musik hat mich so tief berührt, dass ich sofort alle Aufnahmen gekauft habe, die es von Orrs Musik gibt."
Mit diesen Aufnahmen bewaffnet nahm sie Kontakt mit dem Neu-Ulmer Kirchenmusikdirektor Wolfgang Gütinger auf. Die beiden beschlossen im vergangenen Herbst, mit ihren Chören Kompositionen Orrs einzustudieren. Und den Komponisten einzuladen, damit er seine Werke in Neu-Ulm und Ermingen auch dirigiert. Ein katholischer und ein evangelischer Chor singen die Werke eines Anglikaners, der die Konzerte auch noch leitet. Eindeutig Ubuntu - oder wie Wolfgang Gütinger schmunzelnd übersetzt: multi-ökumenisch.
Überhaupt: Wer in Südafrika lebt, kommt gar nicht ohne Ubuntu aus. Das fängt bei den Sprachen an: "Wir haben elf offizielle Amtssprachen", erklärt Orr; dazu kommen neun Bantu-Dialekte wie Zulu oder Xhosa. Orr selbst spricht aber nur Englisch und Afrikaans. Aber in Südafrika ist auch die Musik mehrsprachig. "Alle weißen Chöre singen nach dem Notensystem. Aber viele schwarze Chöre verwenden noch die Solmisation", also die Notation mit "Do Re Mi Fa So". Das mache Proben mit anderen Ensembles nicht gerade einfach, sagt Orr, in dessen Chören alle Ethnien vertreten sind.
Auch in den Gesangbüchern schlägt sich das babylonische Sprachengewirr Südafrikas nieder. In den Noten der St. Georges Cathedral sind alle Lieder dreisprachig: Englisch, Afrikaans und Xhosa, der in Kapstadt vorherrschenden Bantusprache. Mit der hatten die deutschen Chöre Probleme. "Da sind viele Schnalzlaute drin", erklärt Marina Staiger. Auch bei Afrikaans haben die deutschen Sänger kapituliert, aber es gibt Lieder in Zulu.
Einstudiert haben die Werke Wolfgang Gütinger und Marina Staiger. Heute wird Orr die erste Probe leiten. Und morgen, Samstag, 19 Uhr, wird es ernst, wenn in der Erminger Pankratiuskirche das erste Konzert ansteht.
Info Das Programm "Ubuntu - Freunde über Grenzen" führen der Chor der Neu-Ulmer Petruskirche und der Kirchenchor St. Pankratius aus Ermingen am Samstag, 19 Uhr, in der Kirche in Ermingen und am Sonntag, 20 Uhr, in der Neu-Ulmer Petruskirche auf. Der südafrikanische Komponist David Orr wird die Konzerte leiten und Orgelimprovisationen spielen. Der Erlös der Konzerte fließt an eine Armenküche in Kapstadt.
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Autor: HELMUT PUSCH | 30.07.2010
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Dirigiert seine Werke in Ermingen und Neu-Ulm: David Orr. Foto: Helmut Pusch
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