Theaterei Herrlingen feiert 30-jähriges Bestehen

Am 18. Januar 1986 gingen die ersten Bühnenlichter im Saal des Wirtshauses "Rössle" in Herrlingen an. Jetzt feiert dort Theaterei-Prinzipal Wolfgang Schukraft das 30-jährige Bestehen seiner kleinen Bühne.

HELMUT PUSCH |

Prinzipal? "Ja, ich dachte, Intendant wäre für so kleine Bühnen übertrieben. Und Theaterleiter klingt auch viel zu protzig", erklärt Wolfgang Schukraft. Das italienisch angehauchte Prinzipal habe dagegen etwas von einer Großfamilie, deren Oberhaupt für die anderen sorgt, sagt der Schauspieler und Regisseur schmunzelnd.

Dabei hatte Schukraft einst als Autor begonnen. Das heißt, eigentlich machte der Sohn eines Berufssoldaten eine Ausbildung zum Verwaltungsbeamten. Und im Rathaus in Aidlingen las er dann eine Anzeige, in der der Süddeutsche Rundfunk Autorentalente für die Fernsehunterhaltung suchte. Schukraft meldete sich und wurde unter Dutzenden Bewerbern zusammen mit einem anderen ausgewählt. Der andere war Werner Schretzmeier, der heutige Chef des Stuttgarter Theaterhauses, erzählt Schukraft.

Beim SDR traf der junge Unterhaltungsautor auf einen Theatermann: Theo Dentler. Der sollte beim Fernsehen neue Mitspiel-Formen fürs Publikum entwickeln. Was Dentler auf jeden Fall aus Stuttgart mitnahm, war Wolfgang Schukraft, der beim Westentaschenchef erste Bühnenerfahrungen sammelte.

Erste Erfahrungen? "Ich war fast zwölf Jahre lang Ensemblemitglied des Westentaschentheaters", sagt Schukraft. Zuerst in Laupheim, wohin Dentler mit seiner Truppe nach seiner Blaubeurer Zeit gezogen war. "Ich habe damals auch das spätere Domizil in der Herrenkellergasse gefunden", erzählt Schukraft. Eine Lokalität, die Geschichte ist - vor knapp vier Jahren zog die mittlerweile von Theo Dentlers Sohn Thomas geleitete Bühne nach Böfingen.

Schukraft verehrt Theo Dentler noch heute, "aber zwölf Jahre waren einfach genug". Nach einem kurzen Intermezzo bei Dentlers Sohn Markus in Kiel kehrten die Schukrafts wieder nach Ulm zurück. Und wieder war es ein Zufall, der zur Theaterei führte. "Eine ehemalige Schülerin meiner Frau Suse erzählte uns, dass sie eine Gaststätte betreiben wolle, und ich hab' spontan gesagt, wenn das Lokal einen Saal hat, mache ich da Theater." Die Ex-Schülerin war Sabine Mall, und das "Rössle" in Herrlingen hatte einen Saal. Der Rest ist regionale Kleintheatergeschichte.

Diese Geschichte in Zahlen: Mehr als 5000 Vorstellungen von bislang 149 Produktionen haben rund 500.000 Zuschauer in den vergangenen 30 Jahren gesehen - zeitweilig in mehreren Spielstätten. Denn von 1995 bis 2005 hatte die Theaterei eine Dependance auf Schloss Erbach, und vor fünf Jahren öffnete das Theaterei-Zelt beim Bad Blau in Blaustein, neben dem seit drei Jahren auch das Kindertheaterei-Zelt steht. Damit nicht genug: Elf Jahre lang trieben Schukraft und sein Freund und Mitspieler Walter Frei in Obermarchtal die Sailertage um, die dem Barockdichter Sebastian Sailer gewidmet waren.

Jede Menge Theater also. Und das, obwohl sich Schukraft, der am Montag seinen 66. Geburtstag feiert, immer wieder vorgenommen hatte, mal etwas kürzer zu treten. Etwa nach der Schließung des Theaters in Erbach. "Doch dann habe ich das Zelt in Blaustein aufgemacht", sagt der Theatermann, der trotz so viel Umtriebigkeit durchaus darüber nachdenkt, wie es künftig weitergehen soll und nach einem Nachfolger Ausschau hält. "So ein Theater kann man nicht einfach nur übergeben, das sollte ein fließender Übergang sein", sagt er - auch deshalb, weil man als Leiter einer kleinen Bühne das Mädchen für alles sein muss. "Das ist ein Job, den man nirgends lernen kann", ist sich Schukraft sicher.

Das schlimmste Erlebnis in 30 Theaterjahren? "Als mir die Brauerei Mitte der 90er Jahre mitteilte, dass sie das ,Rössle' in Herrlingen abreißen wolle", erinnert sich Schukraft. Man weiß, es blieb bei den Plänen. Und das Tollste? "Als Schauspieler war das sicher die Rolle des Mark Rothko in John Logans ,Rot' in der Kunsthalle Weishaupt."

Das und mehr wird ziemlich sicher morgen zu Sprache kommen, wenn Wolfgang Schukraft in seiner Jubiläumsproduktion nach 30 Jahren wieder den Affen macht und in die Rolle von Kafkas Rotpeter schlüpft. Denn just mit Kafkas "Bericht an eine Akademie" war an diesem 18. Januar 1986 die Theaterei in Herrlingen gestartet.

Zum runden Geburtstag nochmals Kafka

Reprise "Der Affe Rotpeter, die Theaterei und Wolfgang Schukraft" heißt die wohl persönlichste Produktion des Theaterei-Prinzipals Wolfgang Schukraft, die am Freitag, 20 Uhr, Premiere in der Theaterei Herrlingen hat. Zum 30-jährigen Bestehen seiner Bühne lässt Schukraft die Eröffnungsvorstellung der Theaterei vom 18. Januar 1986 aufleben und spielt nochmal in Franz Kafkas "Bericht für eine Akademie" den Affen Rotpeter. Außerdem erzählt er allerlei aus den 30 Jahren der Theaterei und singt dazu humoristische Lieder von Reutter und Leopoldi.

Termine und Karten Schukraft zeigt seinen Jubiläumsabend nochmals am Samstag, 20 Uhr, sowie am Sonntag, 17. Januar, 17 Uhr. Kartenvorbestellung: 0731/26 81 77.

 

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