Studie der Uni Ulm belegt: Feinstaub auch unterhalb des Grenzwerts gefährlich

Auch unterhalb der aktuell gültigen Grenzwerte ist Feinstaub gefährlich. Er begünstig das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken. Das belegt eine neue EU-Studie mit wesentlicher Beteiligung der Universität Ulm.

CHRISTOPH MAYER | 1 Meinung

Lobbyisten der Autoindustrie, aber auch die Industrie- und Handelskammern blasen es gerne hinaus: Umweltzonen bringen wenig, sie seien Schikane. In der Tat gibt es keine Beweise, dass die Feinstaubkonzentration in Ballungsräumen durch Umweltzonen signifikant sinkt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. "Feinstaub ist ein Gemisch, das sich aus vielen Komponenten zusammensetzt", sagt Dr. Gudrun Weinmayr vom Institut für Epidemiologie und Medizinische Biometrie der Uni Ulm. Saharasand, Meersalz, Feldstaub und eben auch Emissionen aus Straßenverkehr, Industrie und Hausbrand fallen in diese Kategorie. Besonders gesundheitsschädlich sind die drei Letztgenannten - und belegt sei, dass Umweltzonen zur Verringerung des Ausstoßes von Autoabgasen beitragen, sagt die Wissenschaftlerin. Gemessen werden kann freilich nur die Gesamt-Feinstaubkonzentration.

Von Feinstaub spricht man, wenn ein Staubpartikel kleiner als ein hundertstel Millimeter ist. Schädlich ist Feinstaub deshalb, weil die menschliche Lunge nicht in der Lage ist, solche Partikel herauszufiltern. In Europa dürfen Feinstaubteilchen mit einem Durchmesser von bis zu zehn Mikrometern einen Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft nicht überschreiten. Doch ist der Grenzwert, der sich an den Untersuchungsergebnissen aus den USA orientiert, angemessen? Daran gibt es Zweifel, sagt Weinmayr. Zum Beispiel, weil in Europa - vor allem in Deutschland - deutlich mehr Dieselfahrzeuge zugelassen sind als in den Vereinigten Staaten von Amerika und weil US-Autos vielfach anders geartete Verbrennungsmotoren besitzen.

Diese und andere Unterschiede gaben den Anlass für eine 2006 begonnene, europaweite und aus EU- Mitteln geförderte Studie, zu der die Ulmer Wissenschaftlerin einen wesentlichen Teil beigetragen hat. Die Ergebnisse der "European Study of Cohorts for Air Pollution Effects" (ESCAPE) sind kürzlich in der Fachzeitschrift "The Lancet Oncology" publiziert worden.

Ziel der Forscher war es, die durchschnittliche Konzentration von Feinstaub und Stickoxiden möglichst genau zu bestimmen. Dazu wurden spezielle Mess-Stationen aufgebaut. Die Ulmer waren für das österreichische Bundesland Vorarlberg zuständig, wo an 20 Orten gemessen wurde. "Wir konnten so die durchschnittliche Luftverschmutzung ermitteln, der die Studienteilnehmer über mehrere Jahre hinweg ausgesetzt sind", sagt Weinmayr.

Die Daten wurden mit dem örtlichen Krebs- und Mortalitätsregister abgeglichen - in Vorarlberg eine lohnende Angelegenheit: Zwei Drittel der dortigen Bevölkerung nehmen an einem medizinischen Präventionsprogramm teil, so dass anonymisierte Daten von 139 000 Personen zur Verfügung standen. Bedenkt man, dass in der europäischen Gesamtstudie Daten von etwas mehr als 300 000 Probanden ausgewertet wurden, wird klar: die Vorarlberger machten den Löwenanteil aus.

Das Ergebnis der Studie sei eindeutig, sagt Weinmayr. "Mit jedem Anstieg der Feinstaubkonzentration steigt das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken." Aus den Studienergebnissen geht ausdrücklich hervor, dass dies auch für eine Konzentration unterhalb des europäischen Grenzwertes gilt. Demnach entwickelten von den Studienteilnehmern 2059 Personen innerhalb von 13 Jahren Lungenkrebs. Besonders oft wurde ein Adenokarzinom diagnostiziert - eine Krebsart, die auch bei Nichtrauchern auftritt. Gemäß der Studie führte bereits eine um zehn Mikrogramm erhöhte Konzentration von Feinstaubpartikeln zu einem um 22 Prozent höheren Lungenkrebsrisiko.

Welche Schlussfolgerungen daraus zu ziehen sind, ist allerdings noch nicht ganz klar. "Wir konnten keinen Schwellenwert für eine Gesundheitsgefährdung durch Feinstaub festlegen", sagt Weinmayr. Sie hält es allerdings für empfehlenswert, den Grenzwert weiter abzusenken. "Da muss politisch noch einiges passieren. Und das kann nur klappen, wenn die EU an einem Strang zieht."

In Folgeprojekten soll jetzt zum Beispiel auch der Zusammenhang zwischen Feinstaub und Herzkrankheiten untersucht werden.

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1 Kommentar

06.08.2013 16:11 Uhr

Toll

Warum werden immer mehr Bremsfallen im Straßenverkehr gebaut, die vielerorts zu unnötigem bremsen und wieder anfahren nötigen?
Warum werden noch immer keine Filter für private Holzheizungen vorgeschrieben?
Warum wird das Rauchen nicht generell verboten?
Warum wird Geld für eine Studie ausgegeben, bei der man schon am Anfang weis was am Ende bei raus kommt?
;)

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