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Steinmetze des Münsters: Die Bewahrer des Schönen

Die Bauhütte des Ulmer Münsters ist einer der wenigen Orte, in dem der Computer nicht die Arbeit bestimmt. Augenmaß, Erfahrung und handwerkliches Geschick sind dagegen unerlässlich.

VERENA SCHÜHLY |

Im Winter müssen die Mitarbeiter der Münsterbauhütte nicht bei Eis und Schnee in den luftigen Höhen ihre Arbeit tun. "Mit dem ersten Frost gehen wir nach drinnen in die Werkstatt", sagt Richard Géczi, der stellvertretende Hüttenmeister. Die Münsterbauhütte ist der niedrige Backsteinbau auf der nördlichen Münsterseite zwischen den modernen Gebäuden von Münsterbauamt und Novum-Ladenzeile.

Drinnen haben es Géczi und seine 14 Kollegen warm. Das Licht ist gleichmäßig hell, die Luft erfüllt von den Schlägen der per Hammer oder Pressluft betriebenen Meißel. Ab und zu rasselt die Kette eines Flaschenzugs, wenn ein tonnenschweres Werkstück bewegt wird. Über jedem Arbeitsplatz hängt der große Rüssel der Absauganlage, die rauschend ihren Dienst tut. "Früher sind viele Steinmetze an der Staublunge gestorben", so Géczi, "aber heute kann man sich schützen."

In diesem Winter arbeiten die Steinmetze an Stücken für den Chorpfeiler N 1. Den Ersatz für die schadhaften Steine schaffen sie aus Steigerwald Quarzit, der heutzutage anstelle des im 19. Jahrhunderts verbauten Schlaitdorfer Sandsteins verwendet wird. Wenn es um Steine aus der mittelalterlichen Bausubstanz geht, wird Muschelkalk genommen.

Das neue Material kommt zum allergrößten Teil in Form gesägter Blöcke, den Rest erledigt die Bauhütte vor Ort. Vorsägen mit CNC-Maschinen lohnt sich nicht, weil jeder Stein anders ist. Von den 230 Blöcken, die Géczi für 2013 bestellt hat, werden gerade mal fünf vorher maschinell bearbeitet.

Aus den Blöcken arbeiten die Steinmetze Schicht für Schicht heraus mit Meißeln, Hammern, Sägen und Feilen. Erst mit Druckluft-Werkzeugen, sobald es feiner und kleinteiliger wird, dann mit Hand. Jede noch so kleine Fläche wird vermesssen und mit Bleistift vorgezeichnet. Auch hier gibt es keine Computerpläne, die Kollegen pausen die Schablonen für die filigranen Verzierungen von den alten Steinen ab. Géczi: "Wir wollen so nah ran ans Original wie möglich."

Jeder Steinmetz bearbeitet ein Werkstück von Anfang bis Ende, viele hundert Arbeitsstunden lang. Der Profi kann am fertigen Stein die Handschrift des Kollegen erkennen. "Das war früher auch so", betont Géczi. Er arbeitet seit 2009 in der Bauhütte und hat außer dem Steinmetzmeister die Weiterbildung zum Steintechniker gemacht. Seine Stelle ist die schönste, die er sich denken kann: "In der Gotik sind die Steine mit den Verzierungen so lebendig. Wir bewahren das Schöne."

Doch in den vergangenen Jahren war die Arbeit nicht nur von Schönem geprägt, sondern auch von Schwierigkeiten. Der Grund waren die Querelen mit der Münsterbaumeisterin Dr. Ingrid Helm-Rommel wegen ihres selbstherrlichen Führungsstils. Zwei Hüttenmeister warfen unter ihr das Handtuch - und ehe es ein drittes Mal soweit kam, wurde nach zähen Verhandlungen eine Lösung gefunden: Nun ist Helm-Rommel (60) gegangen, nach 16 Jahren endet ihre Tätigkeit am 31. Dezember. Die Stelle ist neu ausgeschrieben (siehe Infokasten), und das Team der Münsterbauhütte ist in froher Erwartung, was das kommende Jahr bringen wird.

Nach dem Winter in der warmen Werkstatt, berichtet Géczi weiter, freuen sich die Steinmetze aber mindestens genauso, die "Meißel wieder aus der Hand zu legen und raus und rauf aufs Münster zu gehen".

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