Sprachwissenschaftlerin Brinkmann: Stures Üben ist nicht zeitgemäß

Wie lernen Kinder richtig schreiben? Stures Üben ist nicht zeitgemäß, sagt Professorin Erika Brinkmann, die künftige Deutschlehrer ausbildet. Der neue Bildungsplan setzt auf verschiedene Lernmethoden. Ein Interview.

BEATE ROSE | 1 Meinung

SÜDWEST PRESSE: Was müssen Kinder mitbringen, um Rechtschreibung zu lernen?
ERIKA BRINKMANN: Interesse am Schreiben; die Fähigkeit, auf die Lautform der Wörter zu achten. Kinder, die das in der Vorschulzeit noch nicht entwickelt haben, sollten das in der Schule im Umgang mit Schrift in Situationen lernen, in denen sie die funktionale Bedeutung der Schrift erkennen und merken, dass ihnen das Lesen und Schreiben einen persönlichen Nutzen bringen kann.

Nach welcher Methode wird nach dem neuen Bildungsplan 2016 an Grundschulen in Baden-Württemberg das Schreiben gelehrt?
BRINKMANN: Festgelegt sind nur Ziele des Unterrichts und Prinzipien der Vermittlung, aber keine konkrete Methode. Nachlesen kann man die Vorgaben in den von der Kultusministerkonferenz (KMK) verabschiedeten Bildungsstandards. Darin wird betont, dass Kinder mit ihren unterschiedlichen Entwicklungsständen in einem differenzierenden Unterricht, der sich an den Stärken und Schwächen der einzelnen Kinder orientiert, berücksichtigt werden müssen.

Also können die Schulen sich aus dem Bildungsplan ziehen, was sie möchten?
BRINKMANN: Alle Schulen müssen sich zwar an den Bildungsstandards der KMK orientieren – verschiedene Schulen können aber unterschiedlich arbeiten. So gibt es nicht die Fibel-Methode, sondern verschiedene Lehrgangsformen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie den Buchstaben- und Wortbestand kontrolliert nacheinander einführen und nicht viel Raum für die Entwicklungsunterschiede zwischen den Kindern bieten. Auf der anderen Seite gibt es nicht nur „Lesen durch Schreiben“, sondern weitere Unterrichtskonzepte wie den von mir vertretenen Spracherfahrungsansatz, die Kindern ermöglichen, von Anfang an über das zu schreiben, was sie interessiert, und in der Form, die ihrem Entwicklungsstand entspricht.

Die „Lesen durch Schreiben“-Methode ist umstritten. Es heißt, Kinder würden sich falsche Schreibweisen einprägen. Was sagen Sie?
BRINKMANN: Das Kernstück der Methode und zum Beispiel auch des Spracherfahrungsansatzes ist das Schreiben zu Beginn mit Hilfe einer Anlauttabelle. Ziel dabei ist es, die Wörter für andere lesbar aufzuschreiben. Die Kinder orientieren sich an ihrer Aussprache und konstruieren die Wörter immer wieder neu. Darum wird selbst auf einer Seite im Heft dasselbe Wort oft mehrmals unterschiedlich geschrieben, wie „Farat, Fharat, Farrat, Farrad, Varat“. Insofern prägen sich die Schreibungen nicht ein. Aber da, wo Kinder häufige Wörter gezielt üben, brauchen sie eine richtige Vorlage und da sind Fehler auch zu korrigieren. Aber das ist erst der zweite Schritt – bei manchen Kindern schon am Anfang, bei anderen erst gegen Ende des ersten Schuljahres.

Warum sollten Kinder die Anlauttabelle überhaupt benutzen?
BRINKMANN: Mit diesem Werkzeug lernen sie als erstes, Wörter in Laute zu gliedern und sie lesbar zu verschriften. Das ist die Basis für die Entwicklung der Lese- und Schreibfähigkeit in einem alphabetischen Schriftsystem. Ohne diese Grundlage ist die Entwicklung einer ausgebauten Schriftkompetenz nicht möglich, wie Studien zeigen.

Also dürfen Kinder doch schreiben, wie sie wollen?
BRINKMANN: Nein, es ist auch wichtig, dass sie von Anfang an erfahren, dass es eine verbindliche Schreibweise gibt. Deshalb übersetzen wir die Kindertexte, daneben oder darunter, von Beginn an in die Erwachsenenschrift, sobald sie von anderen gelesen werden sollen. Kinder erhalten so Rückmeldung zu ihren Verschriftungen und Modelle für das Schreiben – wie beim Erwerb der Lautsprache. Da korrigieren wir die Kinder ja auch nicht dauernd, sondern spiegeln ihnen die richtige Lautform und Grammatik in unserer Antwort zurück.

Migrantenkinder haben es schwer mit der Anlauttabelle, da Dinge abgebildet sein könnten, die in ihrer Muttersprache anders heißen . . .
BRINKMANN: Bilder sind immer mehrdeutig, also für alle Kinder erklärungsbedürftig. Das eine assoziiert mit der Abbildung Hund, das andere Dackel, oder ein drittes Kind Bello. Hilfreich sind deshalb Anlauttabellen, für die sich die Kinder am Computer, mit Erwachsenenhilfe, selbst passende Bilder aussuchen können. Dann kann man schnell sehen, welche Begriffe die Kinder sicher benennen können. Grundsätzlich müssen auch Migrantenkinder lernen, wie unser alphabetisches System funktioniert, damit sie später in der Lage sind, die Schrift selbstständig zu gebrauchen.

Welches Ziel sollten Kinder Ende der vierten Klasse erreicht haben?
BRINKMANN: Die KMK hat in ihren bundesweit gelten Bildungsstandards unter anderem folgende Fähigkeiten benannt: rechtschreibwichtige Wörter normgerecht schreiben, Zeichensetzung beachten, Zeichen bei wörtlicher Rede, über Fehlersensibilität und Rechtschreibgespür verfügen, Rechtschreibhilfen wie Wörterbücher verwenden, Texte auf orthographische Richtigkeit überprüfen und korrigieren. An diesen Vorgaben orientiert sich der Bildungsplan 2016. Eine Arbeitsform ist dabei das regelmäßige gemeinsame Nachdenken über die Schreibweise von komplexen Wörtern in Rechtschreibgesprächen, bei denen dann Schritt für Schritt geklärt wird, warum man in der deutschen Orthografie das betreffende Wort so und nicht anders schreiben muss.

Viele Erwachsenen schwören auf die Lehrmethode, wie sie Rechtschreibung vermittelt bekommen haben, nämlich mit üben, üben, üben. Warum ist das nicht mehr zeitgemäß?
BRINKMANN: Weil es nie sinnvoll war, das Schreiben von Wörtern nur durch Üben zu erwerben. Das haben die hohen Quoten an Analphabeten aus den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gezeigt, die nicht in der Lage waren, sich zuvor nicht geübte Wörter selbstständig lesend zu erschließen oder aufzuschreiben, was nicht geübt war.

Der Vorwurf mancher Eltern ist, dass die so gelehrte Rechtschreibung eine neue Schlechtschreibung produziert. Was sagen Sie dazu?
BRINKMANN: Methodenvergleiche sprechen dagegen, dass neuere Methoden im Vergleich zu vermeintlich bewährten zu einer schlechteren Rechtschreibung führen. Es kommt noch immer darauf an, wie Lehrer unterrichten, ob sie die Stärken und Schwächen ihres Ansatzes kennen und kompetent damit umgehen können. Vor allem müssen sie in der Lage sein, auf die unterschiedlichen Entwicklungsstände einzelner Kinder einzugehen und sie mit passenden Angeboten herauszufordern und zu unterstützen.

Zur Person - Schule in der Kritik

Beruf
Erika Brinkmann (64) ist Professorin für deutsche Sprache, Literatur und Didaktik. Sie lehrt an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd unter anderem Schriftspracherwerb. Brinkmann ist stellvertretende Vorsitzende des Grundschul-Bundesverbands. Vom baden-württembergischen Kultusministerium ist sie als wissenschaftliche Begleitung für die Entwicklung des neuen Bildungsplanes Grundschule Deutsch berufen worden. Die „Schlechtschreibung“ treibt auch immer wieder den Ulmer Gesamtelternbeirat um. Mitte Februar hatte die SÜDWEST PRESSE zuletzt unter der Überschrift „Das ,Farat’ im Deutschheft“ das Thema aufgegriffen und dazu unter anderem Heike Veile-Selig, Schulleiterin und Deutschlehrerin an der Meinloh-Grundschule, befragt. Daraufhin ist sie von einigen Eltern massiv kritisiert worden. Bayern Auch in Bayern wird über dieses Thema heftig diskutiert, wobei hier die Methode des schriftlichen Subtrahierens fast noch mehr in der Kritik steht. Zum Schuljahr 2014/15 ist hier der neue Lehrplan Plus in Kraft getreten.

1 Kommentar

22.03.2016 03:14 Uhr

Es mangelt am SYSTEMATISCHEN Umgang mit dem Regelhaften der Schreibung!

Frau Brinkmann liegt m.E. richtig, wenn sie sagt dass es nicht so sehr auf die Methodik ankommt, sondern "es kommt noch immer darauf an, wie Lehrer unterrichten, ob sie die Stärken und Schwächen ihres Ansatzes kennen und kompetent damit umgehen können". Aber genau das ist der Punkt, der so oft im Argen liegt: Wichtig ist in der Tat bei jeder Methodik, ob und wie die Lehrkräfte den Kindern bei Rückfragen und Korrekturen tatsächlich etwas von der SYSTEMATIK der Schreibung vermitteln! Leider wird viel zu oft NICHT klar vermittelt, welche Schreibungen nun regelmäßig sind und welche Ausnahmen. Es kann doch nicht sein, dass den Kindern z.B. zunächst "Mama" als regelmäßige Schreibung verkauft wird (obwohl es eins der sehr wenigen Wörter im Deutschen ist, bei dem ein einzelner Konsonant zwischen zwei Vokalen, von denen der erste ein Kurzvokal ist, NICHT doppelt dargestellt wird) und man es dann einfach hinnimmt, dass die Kinder diese Ausnahmezuordnung auch auf Wörter wie "Wanne" ("Wane") übertragen. "Mama", "Mimi" und "Limo" sollten bei Benutzung durch die Kinder sofort kommentiert werden und in Fibeln am besten überhaupt nicht vorkommen! Auch das Lesenlernen wird durch solch unachtsamen Umgang mit den Schriftsprachregeln unnötig erschwert: "Mama" wird eben AUSNAHMSWEISE nicht wie "Lama" gesprochen. Normalerweise kann man sich darauf verlassen, dass ein Kurzvokal nur vorkommt, wenn mehrere Konsonantenbuchstaben vor dem nächsten Vokalbuchstaben folgen.
An dieser linguistischen Unachtsamkeit krankt es bei den meisten gängigen Fibeln, Lehrwerken und Unterrichtsmaterialien, auch bei den gängigen Anlauttabellen! Wie sollen es Lehrer da schaffen, systematischer zu arbeiten, was aber im Sinne der Kinder bitter nötig wäre?

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