"Sommernachtstraum" auf der Wilhelmsburg

Das Theater Ulm zieht wieder ins Freie: auf die Wilhelmsburg mit einer neuen Fassung von Shakespeares "Sommernachtstraum". Komponist Wolfgang Lackerschmid hat zu der Komödie die Musik geschrieben.

CLAUDIA REICHERTER |

"Andreas von Studnitz hatte die Idee, dass ich auch eine Rolle spiele", sagt Wolfgang Lackerschmid. Klingt da ein klein wenig Unbehagen durch? Nein, als weltbekannter Jazzmusiker ist es der Vibraphonist gewohnt, auf der Bühne zu stehen. In seinen Konzerten sogar in der Hauptrolle. Aber: "Als eine Art Musikelfe wohne ich in einem aufgeschnittenen Wohnwagen, der hippiemäßig bemalt ist." Als die Rede auf sein Kostüm kommt, schluckt der Augsburger hörbar - und muss dann kichern. Das sei schon "ziemlich schrill".

Er verfasst zwar seit Jahrzehnten regelmäßig Auftragskompositionen für Theater, Film und Fernsehen. Aber dass er als "leicht abgespaceter Typ" - wie Regisseur von Studnitz die eigens für den 58-Jährigen geschaffene Rolle im "Sommernachtstraum" beschreibt - inmitten eines Freilichtrunds vor der Kulisse einer imposanten Festungsanlage hockt, passiert nicht alle Tage.

"Es ist das erste Mal, dass ich live mitinszeniert werde", sagt der Musiker, der in Ehingen aufgewachsen ist. Mitinszeniert heißt, er hat selbst keinen Text aufzusagen, kommt aber als Figur sehr wohl im Text vor. Denn der Intendant des Theaters Ulm hat für seine Inszenierung von William Shakespeares berühmter Komödie eine eigene Version angefertigt. Das gibt ihm die Freiheit, sowohl Elfenkönig Oberon als auch den Herrscher Theseus jeweils einen "Herrn am Vibraphon" erwähnen zu lassen, für den dessen Damen schwärmen. Oberon sei richtig eifersüchtig, erklärt Wolfgang Lackerschmid. Das klingt nun eher stolz. Und mächtig amüsiert.

Am Anfang der Zusammenarbeit mit dem Theater Ulm stand Ende 2011 ein Auftritt mit dem Free-Jazz-Ensemble TTT und Malerstar Markus Lüpertz am Flügel. Konzerte mit seiner Frau, der Sängerin und Komponistin Stefanie Schlesinger, und der "Wolfgang Lackerschmid Connection" im Foyer des Ulmer Hauses folgten. In der Saison 2012/13 schrieb er erstmals die Musik zu einer Inszenierung von Studnitz': Joshua Sobols Stück "Ghetto" kleidete er in filigrane Arrangements schillernder Jazzharmonien.

Für den diesjährigen Theatersommer auf der Wilhelmsburg beauftragte ihn der Intendant und Regisseur erneut. So schrieb Lackerschmid neue Musik zu Shakespeares turbulenter Komödie. Die spielt er live im vorn offenen Hippie-Wohnwagen, der nach der Saison im Hymer-Museum ausgestellt wird. Dazu begleite er das Geschehen teilweise frei improvisierend, für ihn "die ehrlichste Art, Musik zu machen". Selbstverständlich gebe es Vorgaben der Regie, erklärt er. Dennoch werde jede Vorstellung ein wenig anders klingen: "Ich gehe jeweils auf das Tempo, die Stimmung, die Schauspieler ein."

Unter drei "Songs", die er zunächst auf die Shakespeare-Texte ersonnen hatte, sei "eine richtige Suite mit vier verschiedenen Sängern". Fehlte noch ein Duett. Zum Schluss. "Das hab ich grad' noch schnell geschrieben", erzählt er am Tag vor der zweiten Hauptprobe auf der Wilhelmsburg. "Das geht schnell. Ich hab so viel Musik im Kopf - und das Handwerk ja auch irgendwann mal gelernt." Dass Felix Mendelssohn Bartholdy bereits 1826 eine der bekanntesten Theatermusiken überhaupt zu Shakespeares "Sommernachtstraum" geschrieben hat, störte Lackerschmid bei seiner Arbeit nicht. Er sei bei dieser Fassung von dem "verstorbenen Kollegen" nicht beeinflusst, sagt er. "Es ist ja auch ein ganz anderer Text."

Wobei der zwischen den Proben weiterhin auf der ganzen Welt konzertierende Musiker Mendelssohns Musik bestens kennt: Vor fünf Jahren hat er sie für die Augsburger Puppenkiste adaptiert. Sie "auf bopp-bopp-bopp vertont, auf den typischen Holzbläser-Puppenkistensound hin bearbeitet" - und zur Hälfte neue Musik dazu geschrieben. Vielleicht werde diese "Sommernachtstraum"-Inszenierung im Herbst wieder aufgenommen. Im Dezember hat sein Musical zu Antoine de Saint-Exupérys "Der kleine Prinz" am Landestheater Schwaben in Memmingen Premiere.

Aber zunächst freut sich der vielseitige Jazzer auf den Sommer auf der Wilhelmsburg: "Dort herrscht ein ganz tolles Ambiente - und mir geht's gut in meinem Wohnwagen."

Heute Premiere auf der Wilhelmsburg

Das Stück "Ein Sommernachtstraum", eine der meistgespielten Komödien des englischen Dramatikers William Shakespeare (1564-1616), handelt von Irrungen und Wirrungen, der Willkür und dem ewigen Zauber der Liebe. Intendant Andreas von Studnitz inszeniert seine Fassung des Stücks zu Musik von Wolfgang Lackerschmid. Die Bühne hat Britta Lammers gestaltet, die Kostüme entwarf Gabriele Frauendorf. Premiere ist heute, Samstag, 21 Uhr, auf der Wilhelmsburg.

Inhalt Um der Zwangsverheiratung mit Demetrius zu entgehen, trifft sich Hermia mit ihrem Geliebten Lysander nachts im Wald. Dort sind auch Demetrius und Hermias Freundin Helena, die ihn begehrt. Elfenkönigin Titania und ihr Gatte Oberon streiten, weshalb ihr Diener Puck einen Liebeszauber ausspricht. Das führt zu noch mehr Herzensverwirrung, auch unter Handwerkern, die dort fürs Open-Air-Theater proben.

Es spielen Ulla Willick (Puck), Sidonie von Krosigk (Hermia), Tini Prüfert (Titania/Hippolyta), Aglaja Stadelmann (Helena), Jörg-Heinrich Benthien (Oberon/Theseus), Florian Stern (Demetrius), Christian Streit (Lysander), Christel Mayr, Sibylle Schleicher (Dienerinnen/Elfen), Fabian Gröver, Dan Glazer, Maximilian Wigger-Suttner, Wilhelm Schlotterer, Gunther Nickles (Handwerker).

Spieldauer Zwei Stunden und 15 Minuten, inklusive Pause.

Shuttle-Service Zur Wilhelmsburg fahren von der Stadt aus - Bahnhof, Theater, Willy-Brandt-Platz, Karlstraße - Busse der Linie 7. Von der Haltestelle "Kliniken Michelsberg" geht es zu Fuß allerdings noch 500 Meter steil bergauf. Autos können kostenlos auf dem Gelände der Firma Müller im Industriegebiet Jungingen parken. Von dort fährt ab zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn ein ebenfalls kostenloses Bus-Shuttle zur Festungsanlage - und nach Ende der Vorstellung wieder zurück.

Nachtkritik nach Ende der Aufführung unter www.swp.de

 

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