Schwörmontag: "Ballermann par excellence"

Ulm.  "Voll und toll", überfüllt und verrückt, so sehen einige Ulmer, vornehmlich Innenstadtbewohner, den Schwörmontag. Bei der gleichnamigen Diskussion der "Regionalen Planungsgruppe Mitte-Ost" (RPG) am Donnerstag prallten Ansichten aufeinander.

Klangwelten oder Ballermann, Wunsch und Realität, Kultur oder Massenparty. Die Positionen beim Thema Schwörmontag scheinen unvereinbar. Die einen feiern ohne Rücksicht auf Anwohner und Manieren bis in die frühen Morgenstunden, die anderen fordern weniger Lärm, Müll und eine Kultivierung des historischen Stadtfests.

Letzere, die "Regionale Planungsgruppe Mitte-Ost" (RPG), hat zur Podiumsdiskussion ins Bürgerhaus geladen. Es kommen RPGler, Stadträte, Anwohner und junge Ulmer Szenegänger. Und es wird gestritten.

Hans-Dieter Lippert, der die RPG auf dem Podium vertritt, will keine Verbote installieren, wünscht sich aber eine neue Feierkultur. "Die Leute kommen aus den kleinen Dörfern in der Umgebung, und hier fehlt dann plötzlich die soziale Kontrolle", meint der Jurist. "Und die lassen dann die Sau raus." Und, fragt er sich in seinem Eröffnungsplädoyer: "Wir hatten hier auch den Landesposaunentag, warum geht es da friedlich zu?"

Der Schwörmontag sei der Stadt schlichtweg aus der Hand geglitten, sagt Citymanager Henning Krone, ebenfalls auf dem Podium. "Das ist Anarchie." Es fehle ein Koordinator für alle Veranstaltungen am Schwörwochenende. Der Niedersachse weiß aber aus seiner kurzen Erfahrung in Ulm bereits: "Der Schwörmontag ist wichtig für Dienstleister, Einzelhandel und Gastronomie."

Die Streitereien rund um den städtischen Feiertag gibt es freilich nicht erst seit der Erfindung des Lautsprechers. Bereits Anfang des 18. Jahrhunderts gab es Klagen über "beschwerliches Geschwätz und Getöse", referiert SÜDWEST PRESSE-Redakteur Henning Petershagen zur Eröffnung der Diskussion. Historische Dokumente zeugen von "feierlicher Stille", aber, sagt der Experte: "Die Ulmer wollten ihren Schwörtag haben wegen der Feierei." Das hatte schon damals Konsequenzen: "Es gab immer Krach und Ärgernis."

Ein kleines Stück zurück zu den Wurzeln wünscht sich Ralf Milde von den Freien Wählern die Entwicklung des Schwörmontags: "Es geht um die Frage der Kultivierung. Wir brauchen eine Ausrichtung der Würde des Festes entsprechend." Den Ist-Zustand beschreibt der Künstler knapp: "Ballermann par excellence".

Von der Gegenwart profitiert der vierte Diskutant, Donau3FM-Chef Carlheinz Gern. Er hat 1999 das erste Schwörmontagskonzert auf dem Münsterplatz ausgerichtet und holt dieses Jahr Elton John nach Ulm - wenn auch zwei Tage zu früh. "Jede Generation hat ihr eigenes Schwörwochenende verdient", appeliert er an die Anwesenden.  Um die zunehmende Vermüllung vor allem des Fischerviertels in den Griff zu bekommen, schlägt er "behutsame Auflagen" vor, etwa das Verbot von Glasflaschen in bestimmten Bereichen der City.

Die angesetzen zwei Stunden reichen bei weitem nicht aus, um die Lager einander näher zu bringen, immer wieder wird laut durcheinander geredet, fast geschrien. Versöhnlich und ruhig meldet sich schließlich Jung-Stadtrat Chris Nagel (Junge Union) zu Wort. Er wolle die Diskussion in den Gemeinderat tragen. Henning Krone rät abschließend zu Geduld: "2012 und 2013 wird sich eh noch nichts ändern."


Kommentare (2)

05.02.2012 20:22 Uhr |   Rolf Göbel

Herr Gresser hat Recht.

Aber, schaffen wir doch die Feiertage einfach alle ab, schon ist das grosse Problem gelöst. 364 Tage Zwangszivilisierung im Jahr reichen einfach nicht mehr aus. Freiheiten sind in diesem Land einfach und schnörkellos gesagt: unerwünscht.
04.02.2012 08:38 Uhr |   Benedikt Gresser

Mit Alkohol in die infantile Gleichgültigkeit.

Alkohol neutralisiert die Kontrollen, die zvilisiertes Handeln braucht und lässt die Beschwippsten sich so herrlich frei fühlen.
Diese Freiheit von unangenehm zwickenden Botschaften eines Verantwortungsgefühls ist das "Geschenk" eines auf primitive Befriedigungen reduzierten Horizonts und die Erfahrungen bestätigen diese im Grunde einfache Wirkung immer wieder aufs neue.
Mit Alkohol können auch sonst zivilisierte Menschen bei ausreichender "Ladung" zu primitiven Halbstarken werden.
Das ist nur lustig für die, die zu benebelt sind, um das noch zu realisieren.

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Autor: DANA HOFFMANN | 02.02.2012

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