"Schwanensee" am Theater Ulm: Märchenhaft modern

"Schwanensee" muss keine Frage der Tänzer-Population sein. Roberto Scafati zeigt mit seiner kleinen, tollen Truppe am Theater Ulm ein starkes Ballett. Die Philharmoniker schwelgen im Tschaikowsky-Sound.

JÜRGEN KANOLD |

Prinz Siegfried verliebt sich in die vom bösen Rotbart in einen Schwan verzauberte Prinzessin Odette. Erlöst werden kann dieses anmutige Wesen nur durch ewige Treue. Rotbart aber tritt beim königlichen Heiratsmarkt mit seiner dämonischen Tochter Odile auf, die Odette aufs Haar gleicht: der schwarze Schwan. Siegfried fällt auf diese Intrige herein, lässt sich verführen und verrät damit Odette . . . Nein, nein, stopp! Der Ballettführer bleibt besser ungelesen zu Hause.

Denn mit dem vertrauten "Schwanensee" hat das, was Roberto Scafati jetzt am Theater Ulm choreografierte, zunächst wenig zu tun. Keine 24 Schwäne werden sich zur Skulptur versammeln, niemand trippelt auf Spitze, auch der berühmte putzige Tanz der vier kleinen Schwäne ist gestrichen. Vom Bühnenhimmel regnet es dagegen Federn, auch die acht Schwäne (darunter männliche) im Aufgebot der nur zehnköpfigen Compagnie sehen - im Federkleid statt in Tutus - eher zerzaust aus. Und trotzdem muss der Ballett-Klassiker keine Federn lassen in dieser dramaturgisch durchdachten Version Scafatis. Im Gegenteil. Aber es ist eine andere Geschichte, mit anderen Bildern, mit Modern Dance.

Der dramatische Kern der Story freilich bleibt: Siegfried wird erwachsen und verliebt sich. Eine Coming-of-Age-Story also. Oder wie es im Programmheft heißt: "Die Mutter verordnet ihm zum Geburtstag Adoleszenz und erklärt seine Kindheit für beendet."

Scafatis "Schwanensee" funktioniert auch deshalb so irritationslos gut, weil die hochromantische Musik Peter Tschaikowskys alles trägt. Sie ist das Original. Und die vortrefflichen Philharmoniker spielen das unter der Leitung von Timo Handschuh live im Graben: wunderschön, so federleicht, farbenvoll wie emotional. Wenn im Schlussbild Siegfried und Odette (Ceren Yavan-Wagner) händchenhaltend in die Zukunft schreiten wie der Tramp und das Straßenmädchen in "Modern Times", dann feiert auch das Orchester großes Ballett-Kino.

Also noch einmal zurück auf Anfang und die Ulmer "Schwanensee"-Geschichte erzählt: Der Siegfried ist ein lustiger, verspielter Teenie, wenngleich ein Stubenhocker, der lieber virtuell an der Playstation unterwegs ist und mit Fantasyfiguren Abenteuer erlebt. Die Mutter aber (Yuka Kawazu), eine Disco-Queen, kappt die Nabelschnur, zerschneidet das Band, durch das Siegfried mit ihr verbunden ist.

Aufreizende Bräute tauchen dann auf. Aber nein, der ängstliche Junge ist noch eher auf Märchen eingestellt - weshalb er sich in ein Schwanenmädchen verguckt. Oder ist das jetzt real? Lorenzo Angelini tanzt den Siegfried fantastisch: so naiv wie liebenswert, athletisch, akrobatisch, technisch top.

Auch die Bühne dieser Ulmer Produktion bietet kein klassisch-üppiges Dekor à la Jürgen Rose, sondern ausgeleuchtete Abstraktion mit einer metalligen Bühnenkonstruktion (Marianne Hollenstein). Der klassische "Schwanensee" enthält eine ganze Reihe von Tänzen zu folkloristischen Rhythmen, damit die Solisten ihre Qualitäten zeigen können. Das hat dann weniger mit Handlung als mit Virtuosentum zu tun - so ist es eine ballettöse Selbstironie, dass in Scafatis Inszenierung Siegfried gähnt bei den Einlagen, wenngleich er akrobatisch mit reingezogen wird in die rasanten, modernen Nummern. Am besten gefällt ihm ein Transvestiten-Solo.

Aber dann fängt Siegfried Feuer bei Odile (Silvia Cassata), die Rotbart (beeindruckend, mit mächtiger Statur und Power: Carlos Kerr) ihm präsentiert. Der schwarze Schwan in Strapsen. Oder ist das Odette? Siegfried ist gefühlsverwirrt, weiß nicht, was die Triebe mit ihm machen, wo ihm der Kopf steht. Scafati zeigt das mit einem packenden Pas de trois: Siegfried arbeitet sich an der lieben Odette und der bösen Odile gleichzeitig ab, die Körper verschmelzen. Für die erste Erfahrung im Bett ist zwar Odile zuständig, aber Siegfried findet zum Happy End mit Odette.

Dann wird befreit: die Schwäne vom Gängelband Rotbarts, den das Getier auch gleich wild zerlegt. Siegfried wiederum zieht sich das Leibchen von Mama aus, Odette ihr Gefieder. Das ist nun keine Fantasy mehr, sondern echte Jugendliebe. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute. Heutig-lebendig vertanzen Scafati und seine tolle Truppe jedenfalls den "Schwanensee". Großer Premierenjubel.

Vorstellungen

Karten Die weiteren Aufführungen von Tschaikowskys Ballett "Schwanensee" am Theater Ulm - alle im freien Verkauf: 12., 27., 31. März; 16., 30. April; 14., 29. Mai; 9. und 12. Juni. Vorverkauf: Telefon 9731/161 4444. www.theater-ulm.de

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