Schwäbisch oder Ulmerisch?
In Ulm spricht man Schwäbisch - oder doch Ulmerisch? Wie in Ulm gesprochen wird haben wir von Ralf Knöbl vom Institut für Deutsche Sprache erfahren.
Was spricht man in Ulm?
RALF KNÖBL: In Ulm wird echtes Schwäbisch gesprochen. Um genau zu sein gerade noch Mittelschwäbisch. Ab Jungingen dann schon Ostschwäbisch.
Und was ist typisch für Ulm?
KNÖBL: Eine Untersuchung in einer Klasse an einem Ulmer Gymnasium hat gezeigt, dass der gesprochene Dialekt sehr nah am Standard ist. Vor allem die Vokale.
Was ist der Standard?
KNÖBL: Der Standard ist einfach gesagt die Sprache laut Duden - und zwar laut Ausspracheduden. Nach der Vereinheitlichung der Schrift wird im eigentlich niederdeutschen Norden im öffentlichen Sprachgebrauch immer mehr schriftnahes Hochdeutsch gesprochen, und spätestens im 19. Jahrhundert gilt die norddeutsche Aussprache des Standards allgemein als rein und schön. Trotzdem ist bei der Untersuchung aufgefallen, dass in Ulm die so genannte s-Palatalisierung, als eines von wenigen Merkmalen häufig auftritt. Dabei wird aus einem s ein sch. Zum Beispiel sagt man isch für ist oder kommsch für kommst. Die Schüler haben kaum in ihren Dialekt gewechselt, auch wenn im Elternhaus echtes Schwäbisch gesprochen wurde. In den meisten Fällen unterdrücken sie das Schwäbisch nicht, sondern sie können den Dialekt der Eltern einfach nicht mehr. In wechselnden Situationen gebrauchen sie eine stabile Mischung aus vielen Standardformen und einigen Dialektformen. Die Lehrer sind dagegen wesentlich öfter in ihren Dialekt verfallen.
Warum ausgerechnet die Lehrer?
KNÖBL: Gerade wenn es um Ordnung, Disziplin oder Motivation geht, kann man der Aussage mehr Ausdruck verleihen, indem man zwischen dem gesprochenen Standard und Dialekt wechselt. Im Übrigen würde dieser Effekt auch funktionieren, wenn man vom Deutschen ins Russische oder anders herum wechseln würde, sofern alle Beteiligten eben Russisch verstehen. Zusätzlich bewirkt der Dialekt selbst, als Sprache der Nähe, schon mehr Aufmerksamkeit und Vertrautheit.
Welche Rolle für den Dialekt spielt die Zu- und Abwanderung von Ulmern?
KNÖBL: Migration ist ein Faktor. Das Sozialprestige spielt dabei eine große Rolle. Ulm steht, wie das Land Baden-Württemberg, wirtschaftlich ganz gut da. Daher ziehen eher Leute mit einem höheren Sozialprestige zu. Beispielsweise kommen relativ viele standardsprechende Wissenschaftler nach Ulm. Entsprechend wirkt sich das auf die Veränderung des Dialekts aus.
Müssen wir damit rechnen, dass es in geraumer Zeit überhaupt kein Schwäbisch mehr gibt?
KNÖBL: So würde ich das nicht sagen. Eher verändert sich der Dialekt, es werden Merkmale abgebaut, und es gibt Vermischung des Dialekts mit Standardformen. Beispielsweise ist mancher Orts das ui vom ei abgelöst worden. Aus dem Fuierwehr wurde Feierwehr.
Das vollständige Interwiew mit Videos unter swp.de/ulmerisch
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Autor: CHRISTIAN WILLE | 13.10.2011
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Ralf Knöbl: Schüler können den Dialekt der Eltern nicht mehr.
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