Schwäbisch oder Ulmerisch?
Ulm. In Ulm spricht man schwäbisch – oder doch Ulmerisch? Wie in Ulm und an anderen Orten gesprochen wird und wie es um den schwäbischen Dialekt steht haben wir von Ralf Knöbl, Wissenschaftlicher Angestellter beim Institut für Deutsche Sprache erfahren.
Herr Knöbl, was spricht man in Ulm?
Ralf Knöbl: In Ulm wird echtes Schwäbisch gesprochen. Um genau zu sein gerade noch Mittelschwäbisch. Ab Jungingen dann schon Ostschwäbisch. Hinter Augsburg wird dann Bayerisch gesprochen.
Und was ist denn typisch für Ulm?
Knöbl: Eine Untersuchung in einer Klasse an einem Ulmer Gymnasium hat gezeigt, dass der gesprochene Dialekt sehr nah am Standard ist. Vor allem die Vokale.
Was ist denn der Standard und wo wird so gesprochen?
Knöbl: Der Standard ist einfach gesagt die Sprache laut Duden - und zwar laut Ausspracheduden. Im 15. Jahrhundert wurde die geschriebene Sprache angeglichen. Maßgeblich dafür war der Sprachraum Sachsen bis Bayern. Auch die Bibelübersetzung Luthers trug nachweislich dazu bei. Nach der Vereinheitlichung der Schrift wird im eigentlich niederdeutschen Norden in öffentlichen Sprachgebrauch immer mehr schriftnahes Hochdeutsch gesprochen, und spätestens im 19. Jahrhundert gilt die Norddeutsche Aussprache des Standards allgemein als rein und schön.
Trotzdem ist bei der Untersuchung aufgefallen, dass in Ulm die so genannte ‚s-Palatalisierung‘, als eines von wenigen Merkmalen häufig auftritt. Dabei wird aus einem ‚s‘ ein ‚sch‘. Zum Beispiel sagt man ‚isch‘ für ‚ist‘ oder ‚kommsch‘ für ‚kommst‘. Die Schüler haben kaum in ihren Dialekt gewechselt, auch wenn im Elternhaus echtes Schwäbisch gesprochen wurde. In den meisten Fällen unterdrücken sie das Schwäbisch nicht, sondern sie können den Dialekt der Eltern einfach nicht mehr. In wechselnden Situationen gebrauchen sie eine stabile Mischung aus vielen Standardformen und einigen bestimmten Dialektformen. Die Lehrer sind dagegen wesentlich öfter in ihren Dialekt verfallen.
Warum ausgerechnet die Lehrer?
Knöbl: Gerade wenn es um Ordnung, Disziplin oder Motivation geht, kann man der Aussage mehr Ausdruck verleihen, indem man zwischen dem gesprochenen Standard und Dialekt wechselt. Im Übrigen würde dieser Effekt auch funktionieren, wenn man vom Deutschen ins Russische oder anders herum wechseln würde, sofern alle Beteiligten eben Russisch verstehen. Zusätzlich bewirkt der Dialekt selbst, als Sprache der Nähe, schon mehr Aufmerksamkeit und Vertrautheit.
Welche Rolle für den Dialekt spielt denn die Zu- und Abwanderung von Ulmern?
Knöbl: Migration ist ein Faktor. Das Sozialprestige spielt dabei eine große Rolle. Ulm steht, wie das Land Baden-Württemberg, wirtschaftlich ganz gut da. Daher ziehen eher Leute mit einem höheren Sozialprestige zu. Beispielsweise kommen relativ viele standardsprechende Wissenschaftler nach Ulm. Entsprechend wirkt sich das auf die Veränderung des Dialekts aus. Migration hat grundsätzlich nur dann Auswirkungen auf den Dialekt, wenn man auch Kontakt hat.
Wie ist es dann in Zukunft um den schönen Ulmer Dialekt bestellt, wenn immer mehr Nichtschwaben zuwandern? Müssen wir damit rechnen, dass es in geraumer Zeit überhaupt kein Schwäbisch mehr gibt?
Knöbl: So würde ich das nicht sagen. Eher verändert sich der Dialekt, es werden Merkmale abgebaut und es gibt Vermischung des Dialekts mit Standardformen. Beispielsweise ist mancher Orts das ‚ui‘ vom ‚ei‘ abgelöst worden. Aus dem ‚Fuierwehr‘ wurde ‚Feierwehr‘. Die örtliche Zuordnung der Sprache – die Verortung – wird immer schwieriger werden. Abgesehen davon nehmen Gruppen unterschiedlichen Sozialprestiges bestimmte Teile des Dialekts oder Sprachgebrauchs nicht an, um sich von anderen Gruppen abzugrenzen. Damit bleibt ein gewisser Sprachgebrauch erhalten.
Wie sieht es denn dann mit dem Berliner Dialekt aus? Dort leben ja verhältnismäßig viele Schwaben.
Knöbl: Die Schwaben in Berlin haben das Problem, dass sie sprachlich gesehen, eher auffällig als angesehen sind. Und sie ändern ihren Dialekt nur bedingt, denn sie werden ja verstanden. Ein Dialekt ist nur dann möglichen Änderungen ausgesetzt, wenn der immigrierte Dialekt und die Menschen, die ihn sprechen, angesehen sind. Berliner Schwaben, die angesehen sind, könnten also vielleicht den Dialekt verbreiten. Und es ist allemal besser einen Mischdialekt zu haben, als gar keinen. Das norddeutsche Platt wird überwiegend noch von den Alten gesprochen. Bei den Jungen geht die Tendenz deutlich zum Standard.
Ralf Knöbl: In Ulm wird echtes Schwäbisch gesprochen. Um genau zu sein gerade noch Mittelschwäbisch. Ab Jungingen dann schon Ostschwäbisch. Hinter Augsburg wird dann Bayerisch gesprochen.
Und was ist denn typisch für Ulm?
Knöbl: Eine Untersuchung in einer Klasse an einem Ulmer Gymnasium hat gezeigt, dass der gesprochene Dialekt sehr nah am Standard ist. Vor allem die Vokale.
Was ist denn der Standard und wo wird so gesprochen?
Knöbl: Der Standard ist einfach gesagt die Sprache laut Duden - und zwar laut Ausspracheduden. Im 15. Jahrhundert wurde die geschriebene Sprache angeglichen. Maßgeblich dafür war der Sprachraum Sachsen bis Bayern. Auch die Bibelübersetzung Luthers trug nachweislich dazu bei. Nach der Vereinheitlichung der Schrift wird im eigentlich niederdeutschen Norden in öffentlichen Sprachgebrauch immer mehr schriftnahes Hochdeutsch gesprochen, und spätestens im 19. Jahrhundert gilt die Norddeutsche Aussprache des Standards allgemein als rein und schön.
Trotzdem ist bei der Untersuchung aufgefallen, dass in Ulm die so genannte ‚s-Palatalisierung‘, als eines von wenigen Merkmalen häufig auftritt. Dabei wird aus einem ‚s‘ ein ‚sch‘. Zum Beispiel sagt man ‚isch‘ für ‚ist‘ oder ‚kommsch‘ für ‚kommst‘. Die Schüler haben kaum in ihren Dialekt gewechselt, auch wenn im Elternhaus echtes Schwäbisch gesprochen wurde. In den meisten Fällen unterdrücken sie das Schwäbisch nicht, sondern sie können den Dialekt der Eltern einfach nicht mehr. In wechselnden Situationen gebrauchen sie eine stabile Mischung aus vielen Standardformen und einigen bestimmten Dialektformen. Die Lehrer sind dagegen wesentlich öfter in ihren Dialekt verfallen.
Warum ausgerechnet die Lehrer?
Knöbl: Gerade wenn es um Ordnung, Disziplin oder Motivation geht, kann man der Aussage mehr Ausdruck verleihen, indem man zwischen dem gesprochenen Standard und Dialekt wechselt. Im Übrigen würde dieser Effekt auch funktionieren, wenn man vom Deutschen ins Russische oder anders herum wechseln würde, sofern alle Beteiligten eben Russisch verstehen. Zusätzlich bewirkt der Dialekt selbst, als Sprache der Nähe, schon mehr Aufmerksamkeit und Vertrautheit.
Welche Rolle für den Dialekt spielt denn die Zu- und Abwanderung von Ulmern?
Knöbl: Migration ist ein Faktor. Das Sozialprestige spielt dabei eine große Rolle. Ulm steht, wie das Land Baden-Württemberg, wirtschaftlich ganz gut da. Daher ziehen eher Leute mit einem höheren Sozialprestige zu. Beispielsweise kommen relativ viele standardsprechende Wissenschaftler nach Ulm. Entsprechend wirkt sich das auf die Veränderung des Dialekts aus. Migration hat grundsätzlich nur dann Auswirkungen auf den Dialekt, wenn man auch Kontakt hat.
Wie ist es dann in Zukunft um den schönen Ulmer Dialekt bestellt, wenn immer mehr Nichtschwaben zuwandern? Müssen wir damit rechnen, dass es in geraumer Zeit überhaupt kein Schwäbisch mehr gibt?
Knöbl: So würde ich das nicht sagen. Eher verändert sich der Dialekt, es werden Merkmale abgebaut und es gibt Vermischung des Dialekts mit Standardformen. Beispielsweise ist mancher Orts das ‚ui‘ vom ‚ei‘ abgelöst worden. Aus dem ‚Fuierwehr‘ wurde ‚Feierwehr‘. Die örtliche Zuordnung der Sprache – die Verortung – wird immer schwieriger werden. Abgesehen davon nehmen Gruppen unterschiedlichen Sozialprestiges bestimmte Teile des Dialekts oder Sprachgebrauchs nicht an, um sich von anderen Gruppen abzugrenzen. Damit bleibt ein gewisser Sprachgebrauch erhalten.
Wie sieht es denn dann mit dem Berliner Dialekt aus? Dort leben ja verhältnismäßig viele Schwaben.
Knöbl: Die Schwaben in Berlin haben das Problem, dass sie sprachlich gesehen, eher auffällig als angesehen sind. Und sie ändern ihren Dialekt nur bedingt, denn sie werden ja verstanden. Ein Dialekt ist nur dann möglichen Änderungen ausgesetzt, wenn der immigrierte Dialekt und die Menschen, die ihn sprechen, angesehen sind. Berliner Schwaben, die angesehen sind, könnten also vielleicht den Dialekt verbreiten. Und es ist allemal besser einen Mischdialekt zu haben, als gar keinen. Das norddeutsche Platt wird überwiegend noch von den Alten gesprochen. Bei den Jungen geht die Tendenz deutlich zum Standard.
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Autor: CHRISTIAN WILLE, DANA HOFFMANN | 10.10.2011
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Kommentare (2)
Wie spricht man in Ulm?
Ralf Knöbl, hinter Augsburg spricht man nicht bayerisch, sondern bairisch. Alles klar?Wie spricht man in Ulm?
Ralf Knöbl, hinter Augsburg spricht man nicht bayer4isch, sondern bairisch. Alles klar?