Schuldfrage der Legionellen-Epidemie 2010 weiter ungeklärt

Fünf Tote, 59 Schwerkranke: Wer ist schuld am Legionellen-Ausbruch Ende 2009 in Ulm? Obwohl ein Gutachten Verantwortliche benennt, tut sich die Staatsanwaltschaft mit einer Anklage-Erhebung schwer.

CHRISTOPH MAYER |

Der Tod kam aus einem Kühlturm auf dem Gelände des TelekomGebäudes am Hauptbahnhof. Die Anlage war Teil eines neu installierten Blockheizkraftwerks. Sie lief im Dezember 2009 noch im Probebetrieb, war immer wieder abgeschaltet. Im lauwarmen Wasser des Kühlsystems vermehrten sich Legionellen explosionsartig – Bakterien, die, so sie eingeatmet werden, eine schwere Lungenentzündung auslösen können. Infolge der typischen Nebelwetterlage bildete sich um den Jahreswechsel herum eine Wolke aus legionellenverseuchten Nebeltröpfchen und hing über der Stadt. Wer das Pech hatte, sie einzuatmen, wurde infiziert. Fünf Menschen starben, 59 weitere mussten stationär behandelt werden.

Die Quelle für die größte Legionellen-Epidemie der Bundesrepublik war rasch gefunden. Doch wer die Verantwortung für das Malheur und den Schaden trägt, ist auch dreieinhalb Jahre später noch offen.

Das verwundert. Denn nach Informationen der SÜDWEST PRESSE liegen der Staatsanwaltschaft Ulm schon seit 9. November 2012 die Ergebnisse eines von ihr in Auftrag gegebenen Gutachtens vor. Verfasst hat es Prof. Manfred Exner vom Hygiene-Institut der Uni Bonn. Exner gilt als „Legionellenpapst“. Er war eingeschaltet worden, weil die Staatsanwaltschaft Zweifel am Wert des ersten Gutachtens hatte, das von der Firma Strabag Property and Facility Services in Auftrag gegeben worden war und die Frage nach den Schuldigen nicht beantwortet hatte. Auch der Vorwurf der Parteilichkeit lag in der Luft: Die Strabag verwaltet das Telekom-Gebäude.

Für Exner und sein Gutachter-Team scheint die Schuldfrage dagegen weitgehend geklärt zu sein. Entgegen der Annahme im Erstgutachten „muss davon ausgegangen werden, dass die Dosierung des Biozids nicht in ausreichender Konzentration erfolgte“, heißt es in der unserer Redaktion vorliegenden Expertise. Biozide kommen in Kühlanlagen regulär zum Einsatz, um die Bildung von Legionellen zu verhindern. Exners Fazit lässt wenig Interpretationsspielraum. Eine „Versäumung gebotener Wartungs-, Reinigungs- und Kontrollmaßnahmen steht außer Zweifel“, heißt es. Bei ausreichenden Kontrollmaßnahmen „hätte eine Legionellen-Emission sicher abgewendet werden können“. Das bedeutet: Die für den Einbau der Anlage zuständige Firma respektive die für die Wartung zuständigen Mitarbeiter sind schuld.

Im Zimmer von Oberstaatsanwalt Rainer Feil stehen 22 Aktenordner zum Legionellenfall. „Es ist nicht entschieden, welche Schlussfolgerungen wir aus dem Gutachten zu ziehen haben“, sagt der Jurist. Zwar räumt er ein, dass die Ermittlungen sich mittlerweile auf die mit dem Einbau der Anlage betraute Firma (es handelt sich um einen weltweit operierenden Konzern, Anm. d. Red.) fokussieren. Dennoch handele es sich bei Exners Feststellungen um Wahrscheinlichkeitsaussagen. „Aber selbst eine hohe Wahrscheinlichkeit reicht uns nicht. Wir brauchen Gewissheit.“

Feil zufolge gab es in der Kühlanlage Bereiche, in die das Biozid konstruktionsbedingt nicht eindringen konnte. Falls auch dort eine hohe Legionellenkonzentration vorhanden gewesen wäre, läge ein Konstruktionsfehler vor – und kein Wartungsfehler. „Wo die Legionellenquelle innerhalb der Anlage liegt, ist weiter unklar“, sagt der Oberstaatsanwalt, der auf ein in der Natur der Sache liegendes Manko des Zweitgutachtens hinweist. Als Exner im Juli 2011 den Auftrag bekam, war die Anlage längst gereinigt, monatelang abgeschaltet und umgebaut worden. Den Gutachtern blieb folglich nur die Auswertung von Dokumenten.

Ein weiteres Problem: Um Anklage wegen fahrlässiger Tötung und gefährlicher Körperverletzung erheben zu können, muss die Staatsanwaltschaft einer oder mehreren Personen individuelles Fehlverhalten vorwerfen können. Genau das sei in diesem Fall aber schwierig. Anders verhalte es sich bei Zivilklagen. Bei Schadenersatzforderungen reiche es aus, die Verantwortlichkeit einer Firma zweifelsfrei festzustellen. Elf Strafanträge privater Kläger liegen Feil zufolge vor. Doch die Anwälte werden wohl erst abwarten, zu welchen Schlussfolgerungen die Staatsanwaltschaft kommt, vermutet er. In den nächsten Wochen, so verspricht der Oberstaatsanwalt, werde seine Behörde den Fall vorantreiben. Ob es zu einer Anklageerhebung, der Einstellung des Verfahrens oder zu weiteren Ermittlungen kommt, lässt er offen.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Warum man mit Energiesparlampen ...

Die modernen Glühlampen sind gut für die Umwelt, weil sie Energie sparen, aber schwierig zum Entsorgen.

Energiesparlampen schonen das Klima, weil sie viel weniger Strom verbrauchen als die alten Glühbirnen. Doch wenn sie zerbrechen, ist Vorsicht angesagt – vor allem, wenn sie Quecksilber enthalten. mehr

Kotzhügel und Zaun: Botschaften ...

Das Tanzen auf den Tischen ist nicht erlaubt. Foto: Felix Hörhager

Der Besuch des Oktoberfestes kann ein großes Abenteuer sein. Damit alles glatt geht, geben einige Botschaften ihren Landsleuten nützlich Ratschläge an die Hand. mehr

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr