Scafati verlegt den Klassiker "Schwanensee" in die heutige Zeit

Ohne federnbesetzte Ohrenschützer, Tutus und Fouettés: Roberto Scafati überträgt "Schwanensee" in ein Jugendzimmer und einen Partyraum von heute. Lorenzo Angelini gibt den daddelnden Prinzen.

CLAUDIA REICHERTER |

John Cranko hat's gemacht, John Neumeier und Matthew Bourne. Erstere in den 70er Jahren, letzterer am radikalsten Mitte der 90er - mit Männern in Frauenrollen: Alle drei interpretierten das berühmteste Bühnentanzstück von allen, Tschaikowskys "Schwanensee", neu. Das tut jetzt auch der Ulmer Ballettchef Roberto Scafati. Tanzte er 1999 noch in Andris Plucis' mit dem Schicksal von Märchenkönig Ludwig II. verknüpfter Version, unterzieht er den Klassiker über die humanistische Grundidee der Hoffnung, die selbst schier unzubewältigende Krisen überwindet, nun selbst einer Komplettüberholung.

Sein Prinz Siegfried, getanzt vom 21-jährigen John-Cranko-Absolventen Lorenzo Angelini, ist ein moderner Teenie, der den ganzen Tag zuhause abhängt und Playstation spielt. Verlässt er mal sein Zimmer, wird auf dem Smartphone weitergedaddelt. "Fragt man solche Jugendlichen, was ist mit Freundin, kommt bloß ,Och, nee!'", meint Scafati.

Siegfrieds Mama wolle sich das nicht länger anschauen. Statt eines Balls, wie im klassischen "Schwanensee", organisiert sie eine Party, damit der Bub Mädchen kennenlernt. Rotbart, ein cooler Macker, dem eine Schwanen-Gang hörig ist, verbündet sich mit ihr.

Tatsächlich: Als der Schwan Odette im Table-Dance-Schuppen auftaucht, blickt Siegfried von seinem Game auf. Schließlich sieht sie genauso aus wie der Avatar, der ihn als Ego-Shooter online verkörpert. "Realität und Spiel vermischen sich", erklärt Scafati. Wie die Geschichte weitergeht, wird nicht verraten. Nur soviel: Es geht auch hier um die Überwindung des Bösen durch die Liebe freier, reifer Menschen. Und: "Lorenzo ist unglaublich!" Dessen weiblichen Gegenpart verkörpern anders als sonst üblich zwei Tänzerinnen. Denn Odettes klassisches Alter Ego Odile, der schwarze Schwan, ist für Scafati "eher ein Teil von Rotbart als vom guten Schwan Odette". Das gibt ihm die Möglichkeit, zwischen spanische, neapolitanische und russische Tänze auch einen "Pas de trois" einzufügen.

Dass das Stück nicht Teil der Abonnements, sondern ausschließlich im freien Verkauf zu sehen ist, erfüllt den Ballettchef mit leichter Sorge. Andererseits dürfte ein Klassiker, auch ein modernisierter, schon Publikum anziehen. Und seinen Tänzern müsse er einfach mehr als einen Tanzabend pro Saison anbieten, sonst liefen ihm die davon.

Die Ulmer Compagnie ist mit zehn Tänzern für Massenschwanszenen ohnehin denkbar klein. So beschloss er nicht nur aufgrund des Erfolgs seiner ebenfalls sehr freien Version von "Carmen", sondern aus purer Not, den "Schwanensee" ganz anders aufzuziehen als üblich. "Dann wirkt's nicht so, als ob etwas fehlt", sagt Scafati. So kommt das Stück ohne federnbesetzte Ohrenschützer, wippende Tutus, Spitzengetrippel und Fouetté-Drehungen aus. Auch die berühmten vier kleinen Schwäne fehlen. Dafür seien die Kostüme "fantastisch, leicht verrückt, voluminös". Und die Bühne im Kontrast dazu ganz schlicht.

Anders als zuletzt zu seinem "Lascia che accada" - und wie erstmals nach vielen Jahren im Juni 1999 zu Plucis' Kini-Schwanensee - untermalt das Philharmonische Orchester der Stadt den Ballettabend wieder mit Live-Musik. Das spiele unter GMD Timo Handschuh "so grandios", schwärmt der Choreograf. "Das ist eine große Freude."

Premiere am Donnerstag am Theater Ulm

Vorlage Das Ballett "Schwanensee", das am Donnerstag, 20 Uhr, Premiere am Theater Ulm feiert, ist ein Klassiker. Wladimir Begitschew und Wassili Geltzer schrieben das Libretto zu Peter Tschaikowskys (1840-1893) Musik. Uraufgeführt wurde das hochromantische Werk 1877 im Moskauer Bolschoi-Theater. Die bis heute maßgebliche Choreografie von Marius Petipa und Lew Iwanow folgte 1895 am St. Petersburger Mariinski-Theater.

Inszenierung Der Ulmer Ballettchef Roberto Scafati interpretiert den märchenhaften Stoff neu. Die Bühne hat Marianne Hollenstein gestaltet, die Kostüme stammen wie schon zu "Lascia che accada" von Kristofer Kempf.

Compagnie Es tanzen Lorenzo Angelini (Siegfried), Ceren Yavan-Wagner (Odette), Carlos Kerr Jr. (Rotbart), Silvia Cassata (Odile), Yuka Kawazu (Siegfrieds Mutter) sowie Giulia Damiano, Giulia Insinna, Bogdan Muresan, Damien Nazabal und Pablo Sansalvador.

Dauer Zweimal 40 Minuten mit einer 20-minütigen Pause.

Nachtkritik Etwa eine Stunde nach der Premiere auf swp.de

 

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