Roberto Scafatis neuer Ballettabend mit "Carmen"

"Carmen & Bolero" heißt der neue Ballettabend Roberto Scafatis fürs Theater Ulm. Populärer geht's nicht. Wirklich neu ist die sandig-emotionale "Carmen" mit Musik von Schtschedrin und Pärt. Großer Beifall.

JÜRGEN KANOLD |

Der Tod kommt auf den Bühnen gerne als Gerippe daher. Als hagerer Knochenmann mit Sense. Oder mindestens schwarz vermummt und verschlagen oder fies grinsend. In dieser "Carmen" des Theaters Ulm aber lässt der Tod nicht nur die Muskeln spielen, er zeigt sie auch sehr männlich. Pablo Sansalvador sitzt anfangs mit dem Rücken auf einem Schemel, die Arme ausbreitend - und er duscht. Aus einem kinderdrachenartigen Gefäß im Himmel rieselt feines Granulat auf ihn herunter, sagen wir: feuerroter Sand.

Warum? Vielleicht ist der Granulatregen auch die orgiastisch fließende Metapher für ein leidenschaftliches Drama um Liebe und Eifersucht, auf jeden Fall erdet Roberto Scafati damit seine Choreografie: Hier geht's, kein Zweifel, um archaische Gefühle. Eine Arena ohne jede Stierkampf-Folkore, überkrönt von einem Kranz aus Scheinwerfern, avanciert entsprechend zur Sandgrube für im wahrsten Sinne aufwühlenden Tanz. Das sind, auf der ästhetisch klaren Bühne Marianne Hollensteins, starke Bilder.

Und der Tod? Klar, diese berühmte Geschichte von der ewig weiblichen, verführerischen, unzähmbaren Carmen ist noch nie gut ausgegangen. Ballettdirektor Scafati aber personifiziert den Tod, lässt ihn auch Messer verteilen: an die selbstmörderisch verzweifelte Micaela (Yuka Kawazu), an den eifersüchtigen Don José (Damien Nazabal), der Carmen am Ende ersticht. Carmen (Ceren Yavan-Wagner) aber tanzt mit dem Tod heißblütiger als mit Don José und dem Torero Escamillo (Yuhao Guo), sie trotzt dem Tod intensives Leben ab, vielleicht sehnt sie sich auch nach ihm. Vielleicht darf man aber auch nicht letzte philosophisch-existenzielle Fragen an diese Choreografie stellen, die freilich wirkt - schön ist.

Für den Prolog mit dem Tod wählte Scafati neoarchaisch-heilige Klänge Arvo Pärts ("Fratres"). Aber "Carmen" ist vor allem Georges Bizets Oper, und Scafati benutzt die höchst theatralische Bearbeitung Rodion Schtschedrins. Der Russe komponierte die "Carmen-Suite" 1967 für seine Frau Maja Plissezkaja, die Primaballerina des Bolschoi-Theaters. Er filterte aus Bizets Vorlage das Schlagerträchtige heraus, entwickelte das Material nur für ein Orchester aus Streichern und riesigem Schlagwerk-Apparat, mischte, verdichtete den Ablauf zu einer rhythmisch-pfiffigen, hitzigen Ballettmusik.

Schtschedrin setzt auch viele perkussive Pointen. Die Wachablösung der Soldaten etwa: Kuhglocken-Gebimmel entwaffnet den martialischen Trommelwirbel. Diese Vorlage nimmt Scafati gerne auf, bricht auch mal mit kontrolliertem Slapstick das klassische Repertoire, das seine Compagnie ausdrucksstark beherrscht - und zeigt: Hebungen, Sprünge, fein einstudiert.

Daniel Montané sorgt mit den Philharmonikern für den Live-Sound: etwas mehr Klangfeinheit, Nachdruck und rhythmische Finesse hätten in der Premiere nicht geschadet. Musikalische Hits aber sind die "Carmen-Suite" und nach der Pause Ravels "Bolero" (siehe Kasten) als Zugabe auf jeden Fall. Großer Beifall im Großen Haus.

Info Die nächsten Aufführungen: 30. und 31. Januar. Karten unter Telefon 0731/161-4444.

Wieder bejubelt: der "Bolero"

Ravel-Hit Zehn Tänzerinnen und Tänzer und ein Ballett aus 29 Kugel-Lampen: eine Choreografie über die Sehnsucht, allen Ballast dieser Welt abzuwerfen, die Kleidung, die negativen Gefühle. Roberto Scafatis "Bolero" hatte bereits Ende März 2014 als Teil des Ballettabends "In sich - selbst" Uraufführung. Jetzt wippt und schwingt das Ensemble noch einmal zu Ravels Tanz-Rhythmus. Große Klasse: Yuhao Guo, der auch die Kollison mit einer Lampe locker wegsteckte.

 

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