Riesiger Reifrock und starke Stimmen: "La Traviata" am Theater Ulm

"Ich kehre ins Leben zurück", singt Violetta Valéry, als sie stirbt. Endlich ist sie frei - und tanzt engelsgleich mit dem Tod. Matthias Kaiser inszenierte gedankenreich Verdis Oper "La Traviata" am Theater Ulm.

JÜRGEN KANOLD |

Der Tod schaut auf die Uhr. Für Violetta Valéry, die tuberkulosekranke Edelprostituierte, ist die Zeit abgelaufen. Und zwar in Ulm schon im Vorspiel von Giuseppe Verdis Oper "La Traviata", unter fiebrig-zitternden Streicherklängen. Violetta kommt gebrechlich auf die Bühne, hustend, mühsam sich vorwärtsschleppend; sie zieht den Infusionsständer hinter sich her. Der Tod mit dem Gruselkabinettgesicht reicht ihr einen getigerten Mantel. Nein - noch einmal, ein letztes Mal, rennt Violetta davon.

Verdis "La Traviata", man vergisst es leicht, ist ein bitteres Melodram und kein glamouröses Star-Event, auch wenn die Netrebkos dieser Welt dabei ihre Kunst zeigen. Das "Brindisi" aus dem ersten Akt ist nicht komponiert worden für champagnerselige Operngalas oder André-Rieu-Hallenkonzerte - es ist ein Trinklied auf die irdische Liebe im 3/8-Takt, das die Fallhöhe der Violetta in die Höhe schraubt. Und diese Frau wird tief stürzen: Das Publikum schaut ihr beim Sterben zu. Da hat sie in Alfredo doch noch die wahre Liebe gefunden - und verliert sie sofort wieder, weil Vater Germont sie erpresst, die Familienehre und auch eine geplante Hochzeit der Schwester Alfredos sei in Gefahr. Addio! Violetta verzichtet; trauriger ist ein Abschiedsbrief in der Oper selten geschrieben worden.

In Matthias Kaisers Ulmer Inszenierung aber ist, wie gesagt, schon nach wenigen Takten alles entschieden, auch das Publikum jeder Illusion beraubt. So kann man das erzählen. Vor allem dann, wenn man weder an einen Realismus auf der Opernbühne glaubt noch prächtige Hochglanzkulissen bauen will (und dafür auch nicht das Geld hat). Einen Schau-Effekt gibts in dieser Inszenierung jedenfalls nicht.

Und doch, Kaiser und sein Ausstatter Detlev Beaujean haben eine zentrale Idee: Ihre "La Traviata" spielt im Zeichen des Reifrocks. Dieses konventionelle Kleidungsstück beherrscht als Bühnenmetapher die Szenerie: Im ersten Akt als Pavillon vor einem Theaterprospekt. Violetta thront darauf im Rotlicht wie eine Porzellanfigur, die Ball-Gäste stehen darunter, als glotzten sie eine Frau ohne Unterleib an. Im zweiten Akt, das Landgut in der Nähe von Paris: Dort, wo zunächst noch das Liebesglück mit Alfredo möglich ist, steht vor hellgrünem Hintergrund nur das Gerippe des Reifsrocks, geradezu eine Raumkapsel, allerdings als ungeschützter, offener, bedrohter Ort. Später wird darin auch gekämpft wie in einer Arena, Kickboxen zur Unterhaltung der Ballgäste.

Und im letzten Akt umschließt das Gestänge das Sterbebett Violettas. Der riesige Reifrock klassifiziert sie als Objekt der Begierde, und er ist das Gefängnis einer Außenseiterin der Gesellschaft. Erst im Tod wird Violetta entkommen, heraustreten: weiß, im Licht, engelsgleich. "Ah! ma io ritorno a viver!" - Oh gioia", singt sie: "Ich kehre ins Leben zurück! O Freude!" Der Übertitel-Text im Theater Ulm ist noch deutlicher in der Übersetzung: "Ich will leben!" Das ist natürlich nur ein Traum, aber Regisseur Kaiser lässt ihn im wahrsten Sinne leben. Und schließt den Kreis: Der Tod, seine erfundene Figur, kommt wieder, tanzt jetzt mit Violetta, küsst sie. Aus.

Eine überzeugende Regie, in einem etwas muffigen Bühnenbild. Aber durchaus glanzvoll war die Premierenbesetzung: Andre Nevans, der russische Gast, demonstrierte als unbekümmerter, naiver Alfredo große Tenor-Klasse, mit Schmelz und auch Schluchzern und der nötigen Attacke. Kwang-Keun Lee ist ein Vater Germont mit erhabener Statur, der überstolze Familienpatriarch mit nobler wie brutaler Baritongeste. Und ein beachtliches Rollendebüt gelang Edith Lorans als Violetta: keine großspurige Diva, kein voluminöses Sopranistinnen-Pathos, aber eine sehr berührende Charakterstudie. Koloraturensicher, glaubhaft lyrisches Empfinden, beseelte hohe Töne - zu Recht viel Jubel für die Französin.

Timo Handschuh, der Generalmusikdirektor, ist nicht der feurige Spezialist für Verdi-Italianità, auch genehmigte er manches Rubato, manche Temposchwankung. Dafür bohrte er mit den Philharmonikern auch mal unter der Oberfläche, interessierte sich für Klangfarben und organisierte allemal souverän mit dem Ensemble eine musikalisch gediegene "La Traviata".

Die nächsten Aufführungen

Termine Die nächsten Aufführungen von Giuseppe Verdis "La Traviata" am Theater Ulm: 30. September; 3., 9., 12., 15., 17., 19., 25. und 31. Oktober. Karten: Telefon 0731/161-4444 und im Online-Verkauf.

Ensemble In kleineren Partien sind in "La Traviata" unter anderem I Chiao Shih (Flora Vervoix), Eleonora Halbert (Annina) und Thomas Schön (Der Tod) zu sehen. Mit dabei sind auch der von Hendrik Haas gut einstudierte Opernchor und Mitglieder des Studios "Hipp Kampfkunst" Ulm.

 

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