"Refugium": Schauspiel über Flüchtlingselend im Podium

Menschenschmuggel ist ein mörderisches Geschäft: Michael Sommers Stück "Refugium" thematisiert im Podium des Theaters die Flüchtlingsproblematik.

CHRISTINA KIRSCH |

Was ist das für ein dreckiges Geschäft. Schlepper nutzen die Not von Flüchtlingen aus und kassieren eiskalt ab. Leider bleiben beim Transport ein paar Afrikaner auf der Strecke. Wen kümmert's? Ein Menschenleben ist in dieser Branche nur eine Handelsware. Michael Sommer hat in seinem topaktuellen Stück "Refugium" einen Gutmenschen in diesem Business erfunden: Frau Roth (Aglaja Stadelmann) ist engagiert, pflichtbewusst und prinzipientreu. Ihr Korsett ist ihr enger Bleistiftrock und eine Moralvorstellung, die in 105 Minuten Aufführungsdauer zerbröselt.

Die Firma Refugium bringt Flüchtlinge nach Europa. Für jeden zahlenden Kunden kommt einer gratis mit. Doch die Aktionäre machen Druck. Sie wollen ihre Anteile abziehen, wenn Refugium keine höhere Rendite erzielt. Wie alle Gesprächspartner der Inszenierung (Sommer selbst führt Regie) werden die Akteure aus dem Ausland per Skype zugeschaltet. Die mobilen weißen Kanister, die einzigen Requisiten auf der Bühne (Mona Hapke), sind dann Empfangsstation und Sendemast. Milchig erleuchtet dienen sie als Sitzmöbel und Tisch.

Frau Roth hat mit Mahler (Maximilian Wigger-Suttner) einen Geschäftspartner, der in Tunis die Filiale inspiziert. Er sieht den Sumpf aus Korruption und Erniedrigung, in dem Flüchtlinge alles tun, um einen Platz zu bekommen: "Sie kriechen dir förmlich in den Arsch." Und Mahler verliebt sich in die Flüchtlingsfrau Adanna (Dalila Abdallah). Zu den Problemen, die auf Frau Roth einprasseln, kommt noch ihr aalglatter Logistikmanager Bruk (Florian Stern) hinzu. Der transportiert unter der Hand nicht nur Menschen, sondern auch Drogen. Und dann geht auch noch ein Flüchtlingsboot unter. Das Geschäftsmodell kommt ins Schlingern. Der Untergang droht, als Frau Roth von Adannas Mann erpresst wird.

Sommer unterbricht die Story mit Zwischenspielen, in denen sich die Akteure vor dem Publikum in einer Viererreihe aufstellen und von Flucht und Folter erzählen. Gegenüber der Handlung sind diese eingeschobenen Passagen inhaltlich der emotionale Part. Aber durch die Schnitte in die Handlung verschwimmt einiges und wird konturlos. Aglaja Stadelmann aber spielt überzeugend, man nimmt ihr die Nachdenklichkeit ab.

Sommer wickelt die Flüchtlingsproblematik in "Refugium" geschäftsmäßig und nüchtern ab. Fast schon steril. Das Stück geht nicht unter die Haut. Es kratzt ein bisschen an der problemabweisenden Oberfläche. Die Eiterbeulen des Schlepper-Geschäfts sitzen tiefer.

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