Polizisten mit Messern beworfen
Ulm. Eine Handvoll Messer hat ein 34-Jähriger gegen zwei Polizisten geschleudert. Seit Mittwoch steht er wegen versuchten Totschlags vor Gericht.
Den 28. Februar dieses Jahres werden zwei Polizisten nicht so schnell vergessen. Mitten in der Nacht wurden sie zu einem Wohnblock in der Heilmeyersteige gerufen. Ein 34-Jähriger, dem der Eigentümer, die UWS, schon zuvor wegen massiver Verstöße gegen die Hausordnung gekündigt hatte, hatte die Musik wieder mal so laut aufgedreht, dass die Nachbarn nach der Polizei riefen.
Den beiden Beamten, die für Ruhe sorgen wollten, öffnete der 34-Jährige zwar laut schimpfend die Tür. Dann kehrte er in die Wohnung zurück, um Sekunden später mit einem Fleischermesser in der Tür zu stehen. Das schleuderte er so heftig in den Flur, dass es zerbrach. Anschließend - so räumte der 34-Jährige es gestern auch vor dem Ulmer Landgericht ein - kam er nochmals mit einer ganzen Hand voll unterschiedlicher Küchenmesser zur Tür zurück. Die warf er auf die durchs Treppenhaus flüchtenden Beamten, allerdings ohne einen zu treffen und zu verletzten.
Selbst auf der Straße, einer der Polizisten hatte schon einen Warnschuss in die Luft abgegeben, schleuderte er noch zwei seiner Messer auf sie. Dann gelang es den Polizisten, den Tobenden zu überwältigen. Die ganze Aktion dauerte laut Protokoll nicht länger als zwei Minuten und elf Sekunden.
Der Staatsanwalt wertet diese Tat als versuchten Totschlag. Die Richter, denen Gerd Gugenhan vorsitzt, haben in der auf vier Tage angesetzten Verhandlung herauszuarbeiten, wie der 34-Jährige zu bestrafen ist. Zurzeit sitzt er auf dem Hohen Asperg in Haft.
Während der gestrigen Verhandlung bestritt er jede Absicht, die Polizisten zu verletzen oder töten zu wollen. "Ich hab doch nur geblufft", sagte er. Er sei in einer Zirkusfamilie in der Nähe von Eichstätt groß geworden und könne deshalb sehr gut mit Messern umgehen. "Ich habe immer an ihnen vorbeigeworfen. Wenn ich es gewollt hätte, dann hätte ich die Beamten selbstverständlich getroffen."
Der 34-Jährige erzählte, dass er zehn Geschwister habe. Sein Vater sei gestorben, als er ein Jahr alt war. Später musste die Mutter eine Gefängnisstrafe verbüßen. Der Zirkus ging pleite. Mal habe man ihn in ein Kinderheim gesteckt, mal in ein Internat. Mit sehr guten Noten habe er zwei Lehren abgeschlossen. Die erste qualifiziert zum Hotelfachmann, die zweite zum Industriekaufmann. Dennoch habe er nie in diesen Berufen geschafft, sondern sich mit Zeitarbeitsjobs und später als Arbeitsloser und mit Ein-Euro-Jobber durchgeschlagen.
Mit 19 Jahren heiratete er die junge Frau, mit der er damals eine Tochter bekam. Diese Ehe ging nach gut zwei Jahren in die Brüche: "Wir waren eben viel zu jung dazu", nannte er als Grund für die Scheidung. Drogenabhängig sei er, seit er 15 ist. Seit 1996 nehme er am Methadonprogramm teil, um nicht mehr an der Nadel zu hängen.
Am Tatabend, so berichtete der 34-Jährige weiter, habe er mit anderen eine 0,7-Liter-Flasche Jägermeister getrunken und mehrere Tabletten geschluckt. "Auswirkungen auf den Kopf hatte ich deshalb aber keine."
Als Zeugen berichteten die beiden Polizisten vor Gericht, dass der 34-Jährige die Messer mit gestrecktem Arm wie ein Werfer in Zirkus nach ihnen geschleudert habe. Er habe "getobt, gerast, gebrüllt, geschrieen". Als er kein Messer mehr hatte, habe er schlagartig apathisch und teilnahmslos gewirkt und überwältigt werden können.
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Autor: JÜRGEN BUCHTA | 09.09.2010
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