Pinocchio: Das Kinderstück am Theater Ulm

Wenn das junge Publikum so mitgeht wie nun in „Pinocchio“ am Theater Ulm, dann haben Regieteam und Ensemble viel richtig gemacht. Die Geschichte mag 130 Jahre alt sein, kommt aber nicht abgehangen daher.

MAGDI ABOUL-KHEIR |

„Ich kann doch morgen noch zur Schule gehen“, ruft Pinocchio, und da finden sich unter den 800 Mädchen und Jungen tatsächlich nicht wenige, die ganz anständig „Nein!“ rufen. Es sind dann aber doch viel mehr Kinder, die begeistert „Jaaaa!“ schreien, als der Holzbub lieber ins Spielzeugland marschiert.

Jaaaa, dieser „Pinocchio“, wie ihn Martin Borowski am Theater Ulm auf die Bühne bringt, hält Zuschauer im Grundschulalter offensichtlich bestens bei der Stange – also beim Holzmännchen. Weniger, weil er eine komplexe Geschichte erzählt, sondern weil er über 70 kurzweilige Minuten viele Theatermittel wirkungsvoll einzusetzen weiß: Lebendig, farbenfroh, spaßig, aber auch aufregend geht es zu.

Die Story folgt im Wesentlichen Carlo Collodis Kinderbuchklassiker, allerdings ohne Fee und Fabelwesen. Der alte Gepetto hat im Wald ein besonderes Stück Holz gefunden und schnitzt die Figur, die sich alsbald als äußert lebendig erweist und zu einer Tarantella (die eingängige, folkloristisch parfümierte Musik ist von Daniel Hatvani) herumjagt. Gepetto landet sogar hinter Gittern. „Ich werd dir nie wieder Sorgen bereiten“, verspricht Pinocchio – aber das klappt nicht so recht.

Er will zwar nichts Böses, ist aber sehr verführbar. Statt Gepettos letztes Geld für ein Schulbuch auszugeben, geht er lieber ins Puppentheater, denn: „Du kannst auch im Theater was lernen.“ Dass dieser Satz ausgerechnet von den nichtsnutzigen Ganoven Fuchs und Kater kommt, ist eine hübsche Pointe.

Pinocchio befreit die Theaterpuppen, wird noch mehrfach von Fuchs und Kater hinters Licht geführt, tollt im Spielzeugland herum, wo es angeblich „Bunga Bunga, Remmidemmi, Halligalli!“ gibt – und wendet schließlich alles zum Guten, auch weil er echte Tränen weint.

Martin Borowskis Inszenierung hat einen flotten, aber nicht hektischen Rhythmus, sie bietet Slapstick und Witz. Und allerlei Zitate, damit Lehrer und Eltern ihren Spaß haben: „Ich komme wieder“, „Was erlauben Pinocchio?“ und „Aber isch ’abe gar keine Auto!“

Lob gebührt ebenso Mona Hapke. Aus ihrem kunterbunten südländischen Bilderbuch-Dörfchen wird dank Drehbühne das Spielzeugland, aber mittels Prospekten und Projektionen und mobilen Bühnenelementen werden noch etliche weitere Schauplätze herbeigezaubert. Und wenn man meint, das berühmte Finale auf dem Meer und im Bauch des Wals würde nur als bebildertes Erzähltheater daherkommen, wird nochmal staunenswert Gas gegeben: Ein gewaltiges Maul öffnet sich, und im Inneren des Meeresriesen geht es fast gruselig zu.

Eine „Pinocchio“-Inszenierung kann aber immer nur so gut sein wie ihr Titelheld. Umso besser, wie Christian Streit da als Holzmännchen tanzt, stakst, wirbelt und hüpft. Der Holzbub trägt sein Herz auf der Zunge, wird für seine Naivität bestraft, aber berappelt sich immer wieder. Ja, dieser Pinocchio ist ein Stehaufmännchen, aber Streit gibt nicht durchgehend den Hampelmann: In ruhigeren Momenten sind sein Leid, sein schlechtes Gewissen und sein Wunsch, einfach ein richtiger Junge zu werden, zu spüren. Und die Lügen-Nase? Funktioniert prächtig!

Die anderen im sechsköpfigen Ensemble haben ebenso reichlich zu tun. Der Brüller ist Fabian Gröver als Carabinieri Bossi zwischen Marvel-Muskelberg-Comicfigur und Italo-Western-Chauvie: herrlich komisch! Wilhelm Schlotterer spricht Gepetto wie den Cappuccino-Mann aus der TV-Werbung, famos durchgeknallt ist sein Auftreten als Theaterleiter Feuerfresser: Der sieht aus wie das Tier aus der „Muppet Show“ plus etwas Helge Schneider. In multiplen Rollen hängen sich auch Daniel Klarer sowie Christel Mayr und Barbara Trottmann (unter anderem als an Max und Moritz angelehnte Fuchs und Kater) rein.

„Wir wollen spielen, spielen, spielen, denn der Spaß ist unser Ziel“, wird am Ende gesungen. Dieses Ziel wird erreicht, wie Jubel, Applaus und „Zugabe“-Rufe nach der Premiere bewiesen.

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