"Pille danach" bald rezeptfrei - Was Ulmer Experten sagen

Der Bundesrat stimmte heute dafür, dass die "Pille danach" in Zukunft rezeptfrei erhältlich sein soll. Auch in 28 anderen europäischen Ländern ist dies bereits der Fall. Die Südwest Presse hat Expertenstimmen aus Ulm und Neu-Ulm gesammelt.

ELENA KRETSCHMER | 2 Meinungen
Frauen sollen nach dem Willen des Bundesrats die so genannte „Pille danach“ künftig ohne ärztliches Rezept erhalten können. Die Länderkammer stimmte am Freitagvormittag für die Aufhebung der Verschreibungspflicht für das Arzneimittel Levonorgestrel. Frauen in Notsituationen soll dadurch ein schnellerer Weg zur Verhinderung ungewollter Schwangerschaften eröffnet werden. Die „Pille danach“ soll nur in Apotheken abgegeben werden. Über die Umsetzung des Bundesratsbeschlusses muss nun in einem nächsten Schritt die Bundesregierung entscheiden.

Bisher mussten betroffene Frauen ein Beratungsgespräch mit einem Facharzt führen und sich von diesem ein Rezept aushändigen lassen – ein zeitraubender Aufwand am Wochenende oder an Feiertagen, wenn man bedenkt, dass in der Regel nicht mehr als 72 Stunden zwischen Verkehr und Pilleneinnahme vergangen sein dürfen. Wie auch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlen, setzen bereits 28 europäische Länder und weltweit 60 Länder auf die Rezeptfreiheit der "Pille danach (PiDaNa)" mit dem Wirkstoff Levonorgestrel.



Die SÜDWEST PRESSE hat Experten zum Beschluss des Bundesrats befragt.

Befürwortung: Von der Beratungsstelle bis zum Frauenarzt:

Margarita Straub, Leiterin der Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen und Familienplanung in Ulm, sieht diese Entwicklung sehr positiv: „Ohne Rezept ist es wesentlich unproblematischer und wenn so noch mehr ungewollte Schwangerschaften verhindert werden können, dann ist das gut.“ Die Frauen müssten so nicht extra zum Arzt und könnten sich die PiDaNa bei Verhütungspannen auch ganz kurzfristig besorgen. „Studien belegen, dass sowohl jüngere als auch ältere Frauen verantwortlich damit umgehen“, ergänzt sie.


Auch der deutsche Frauenring unterstützt die rezeptfreie Pille danach. „Damit wäre vielen geholfen und ich glaube auch nicht, dass mit Missbrauch zu rechnen ist“, mutmaßt Helga Ludwig, Ortsringvorsitzende des Frauenrings in Ulm. Mit einem Boom nach der Abschaffung der Verschreibungspflicht rechnet auch Sabine Benz-Klemm, Apothekerin in der Ulmer Hirsch-Apotheke, nicht. „Die Pille danach ist eine reine Notfallgeschichte. Jedes Mädchen und jede Frau wird weiterhin ihre normale Pille nehmen“, erklärt sie. In der Apotheke händige man die PiDaNa im Schnitt rund fünfmal pro Woche an Betroffene aus. „Das schlimme ist, dass viele junge Frauen nur wenig über ihren Zyklus und den Eisprung wissen“, bedauert die Fachfrau. Da aber die Wirkung der Pille danach auch von der Zeit des Eisprungs abhänge, bedürfe es einer sehr guten Abklärung und Beratung. „Eine Ultraschalluntersuchung beim Frauenarzt bietet sich auf jeden Fall an. Wenn Apotheker aber speziell in der Beratung geschult werden, klappt das letztendlich auch mit der rezeptfreien Vergabe“, schätzt Benz-Klemm. Wie diese im Endeffekt gehandhabt werde, wolle sie aber dem Gesetz überlassen.

„Wenn es die Pille danach auf Levonorgestrelbasis in fast ganz Europa rezeptfrei gibt, dann sollte das auch in Deutschland so sein“, meint der Ulmer Frauenarzt Dr. Rüdiger Pfeiffer. Man könne bei der Pille danach schon lange nicht mehr von einer „Hormonbombe“ sprechen, wie es früher oft der Fall war. Der Wirkstoff sei niedrig dosiert, fast nebenwirkungsfrei und gut verträglich. „Für uns ist die gute Aufklärung unserer Patientinnen das wichtigste. Ich sage ihnen immer: ‚lieber hundertmal anrufen als einmal ungewollt schwanger‘“, erläutert er. „Wir haben im Schnitt eine Anfrage pro Woche. In einem Drittel aller Fälle ist die Pille danach aber gar nicht notwendig. Viele kommen aus Angst, weil sie Antibiotika nehmen oder ihre Pille zu spät eingenommen haben.“ Gehäuft kämen Patientinnen rund um Feiertage wie Silvester, aber auch nach Events wie dem Nabada in Ulm. Grundsätzlich halte er ein Gespräch mit dem Arzt immer für sinnvoll, auch wenn der Bundesrat nun eine Rezeptfreigabe beschlossen hat. Apotheker wollen die Verantwortung schließlich nicht alleine tragen.

Gegenstimmen aus der Kirche und der Frauenklinik:
Es gibt aber auch Stimmen, die sich gegen die Freigabe des Rezepts richten. „Was die Pille danach im Allgemeinen angeht, halte ich mich an die Stellungnahme der deutschen Bischöfe. Im Ausnahmefall soll sie ausgegeben werden, dabei muss aber immer darauf geachtet werden, ob sie verhütend oder abtreibend gebraucht wird“, sagt Markus Mattes, Stadtpfarrer in Sankt Johann Baptist Neu-Ulm. Bei abtreibender Wirkung gehe es um das Lebensrecht des Menschen und das sei nicht vertretbar. „Die rezeptfreie Pille danach ist ein Freibrief. Wo bleibt da die Achtsamkeit und der Schutz?“, fragt sich der Pfarrer. Er halte nicht viel von der Regelung und sehe die Gefahr des Missbrauchs. „Durch die Freigabe wird verhindert, dass die Sexualität als intimster Bereich des Menschen geschützt wird. Das macht mir Sorge. Die Leute kommen ihrer Verantwortung nicht mehr nach, weil es am Ende heißt ‚macht ja nichts, es gibt ja die Pille danach‘“, bezieht Mattes Stellung.

Professor Dr. Wolfgang Janni, Direktor der Frauenklinik Ulm, spricht sich ebenfalls gegen die rezeptfreie Vergabe der Pille danach (PiDaNa) aus. Es habe bereits ablehnende Stellungnahmen der Fachgesellschaften gegeben, denen auch er sich anschließe. „Wir denken, dass es in Deutschland ein gut funktionierendes System für die Notfallkontrazeption gibt“, erklärt er. In einem akuten Fall sei ein ärztliches Beratungsgespräch essenziell: „Man muss vor allem junge Frauen im Vorfeld über Wirkungsweise und Nebenwirkungen aufklären und feststellen, ob eine Behandlung mit der Pille danach überhaupt notwendig ist.“ Wenn es um den schnellen Handlungsbedarf geht, profitiere Ulm von einem einwandfreien Notfallpraxissystem. Zusätzlich gebe es für betroffene Frauen die Anlaufstelle der Frauenklinik. „Natürlich bekommen wir dort regelmäßige Anfragen zu Pille danach – pro Dienst, das heißt pro Tag, eine bis drei. Am Wochenende und zu feierintensiven Jahreszeiten häufen sich die Fälle“, weiß Professor Janni. Eine Rezeptpflicht sei deshalb unerlässlich, weil die PiDaNa nicht nur ein deutlicher Eingriff in den hormonellen Haushalt der Frau sei, sondern sich auch die Frage stelle, welche der beiden geläufigen Formen man einsetzt. Denn die PiDaNa auf Levonorgestrelbasis, um die es bei der Abstimmung des Bundesrates geht, sei ein Mittel zweiter Wahl: „Es gibt mittlerweile einen besseren, schonenderen Wirkstoff.“ Somit ginge die Präferenz, wenn der Bundesrat heute der Auflösung der Verschreibungspflicht zustimmt, hin zu einem zu einem weniger guten Präparat. Das könne er als Fachmann nicht begrüßen.

2 Kommentare

09.11.2013 15:27 Uhr

Ach - die Deutschen dürfen das auch schon?

" bereits 28 europäische Länder und weltweit 60 Länder auf die Rezeptfreiheit "

... und da dürfen die Deutschen das auch schon?

Und bekommen da dann doch nur das alte Präparat, das Bessere - weil schonendere - bleibt ihnen verwehrt?

Armes Deutschland!!

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09.11.2013 10:22 Uhr

.

"... Wo bleibt da die Achtsamkeit und der Schutz?“, fragt sich der Pfarrer ..."

Ja, das haben sich die 10-tausende durch Kirchenmänner/frauen mißhandelten und mißbrauchten Kinder dieser Welt auch gefragt. Da hat die Kirche wohl Angst das der Nachschub an jungen Knaben ausbleiben könnte. zwinkern

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