Phantastisch gespielt und beklemmend: "Oleanna" im Theater Ulm

"Oleanna", ein Zweipersonenstück in der Podium-Bar, geht unter die Haut. Die Fallstricke des Bildungsbürgertums strangulieren auch den Zuschauer.

CHRISTINA KIRSCH |

"Sie haben keine Ahnung, was es mich gekostet hat, diese Hochschule zu besuchen", jammert Carol (Renate Steinle) zu Beginn. X-beinig mit zusammengepressten Knien sitzt sie im Büro ihres Professors (Maximilian Wigger-Suttner). Der muss ihr sagen, dass ihr Referat ungenügend ist. Das fällt ihm schwer, weil er für Carol, die sich zum Studium hochgekämpft hat, Sympathie hegt. Dies wird ihm zunehmend zum Verhängnis.

1992 wurde das Stück "Oleanna", das nun in der Podium-Bar zu sehen ist, von David Mamet geschrieben. Es thematisiert Bildungsunterschiede und Feminismus, Machtmissbrauch und die Rache des kleinen Mannes, der in diesem Falls eine kleine Studentin ist. Carol sitzt zunächst als ein kleines, erbarmungswürdiges Häufchen Selbstzweifel auf einem Haufen Manuskripte (Bühne: Mona Hapke). Ihr Professor lehnt selbstbewusst am Schreibtisch. Der Raum ist mit Exzerpten austapeziert und wirkt wie eine muffige Bildungsanstalt.

Maximilian Wigger-Suttner gibt in Pullunder, Hemd und Fliege den Souveränen, Väterlichen. "Ich bin dumm, ich verstehe Sie nicht" - so lauten Carols Sätze, mit denen sie ihren Professor zu Privatstunden und väterlichem Arm-um-die Schulter-Legen bewegt. "Ich will kein rigider Lehrautomat sein", bekennt John und überschreitet scheinbar harmlose Grenzen. Denn aus Carol wird ein tückisches kleines Biest, das vor der Berufungskommission Beschwerde gegen ihn einlegt. Aus einer harmlosen Geste wird in ihren Augen ein tätlicher Angriff. Wer will das Gegenteil beweisen? Jeder sieht seine eigene Wahrheit, und Carol plustert sich, gestärkt durch die neue Macht der Wörter und Begriffe, zur militanten Feministin auf. Renate Steinle spielt den Wandel von der Verklemmten zur Verbohrten in 80 Minuten einfach phantastisch. Alles Subtile der Gesellschaftskritik spiegelt sich in ihrem Gesicht. John endet als derangierter Typ, der sich in den Fallstricken des Bildungsbürgertums und der Sprache verhedderte und dummerweise einer begegnete, die das auszunutzen wusste.

Der Zuschauer muss mit Beklemmungen und Schrecksekunden rechnen. Er bekommt in Miriam Lochers Inszenierung eine atemberaubende Entwicklung vom Kätzchen zur Wölfin und vom grauen Kater zum Bettvorleger serviert. Puh.

Info Nächste Aufführungen: 22./29. Nov., Karten-Tel. (0731) 161 44 44.

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