Ort ohne Würde

Ulm.  Dunkle Gewölbe, dazu Geschichten des Nazi-Terrors. In seiner Kulturwoche 2011 hat der Verein Rosige Zeiten Ulm der Schwulen und Lesben das frühere Konzentrationslager am Kuhberg besichtigt.

Die 25 Besucher überqueren eine kleine hölzerne Brücke, um die Gedenkstätte Fort Oberer Kuhberg zu betreten. "Da wird einem ganz mulmig, wenn man denselben Weg läuft, wie die Gefangenen damals", sagt Katrin Kraft zu ihrer Freundin. Sie spricht von den 600 Häftlingen, die zwischen Sommer 1933 und Winter 1935 in der damals zum Konzentrationslager (KZ) der Nationalsozialisten umfunktionierten Anlage in Ulm inhaftiert waren.

Die Besucherblicke wandern im Eingangsbereich die Wände entlang, vorbei an Gedenktafeln und Ausstellungsobjekten und bleiben schließlich an einer Wandinstallation haften. "Die Würde des Menschen ist unantastbar", steht dort in blauen, hell leuchtenden Buchstaben. "Würde ist das Motto dieser Gedenkstätte", erläutert Martin König, Lehrer und ehrenamtliches Mitglied im Verein "Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg". Seine Zuhörer sind Lesben und Schwule vom gemeinnützigen Verein Rosige Zeiten Ulm/Neu-Ulm. Sie sind im Zuge ihrer Kulturwoche 2011 zu Besuch, um mehr über die Einrichtung zu erfahren; ob Homosexuelle hier inhaftiert waren; wollen nachempfinden, unter welchen Bedingungen die Gefangenen leben mussten und versuchen zu begreifen, wie diese durch die Peiniger ihrer Würde beraubt wurden.

"Politische, Aufmüpfige oder sogenannte Asoziale waren in diesem KZ gefangen", sagt König. Homosexuelle seien nicht darunter gewesen; hierzu könne er deshalb keine spezielle Führung anbieten. Doch Lagerkommandant Karl Buck, für den Psycho-Terror verantwortlich, habe nach der Schließung des Ulmer KZs das Lager Schirmeck-Vorbruck im Elsass geleitet, wo der Elsässer Pierre Seel inhaftiert war. Seel, der seine Erlebnisse später niederschrieb, war wegen seiner Homosexualität verhaftet worden. Er war nie in Ulm, litt aber unter demselben Lagerkommandanten.

Als es draußen bereits dämmert, betreten die Besucher die unterirdischen Kasematten, ehemals die Unterkünfte der Häftlinge. Ein modriger Geruch steigt aus dem langen Gewölbegang, der einem dunklen Verlies des Mittelalters gleicht. Die Vorstellung hier eingesperrt zu sein treibt kalte Schauer den Rücken hinunter. Leben in Würde scheint an diesem Ort undenkbar.

Die Gespräche unter den Besuchern sind verstummt. Die Blicke gleiten über den sandigen Boden, richten sich auf die steinernen Gedenktafeln mit Zitaten der ehemaligen Insassen. "Als wir ankamen, mussten wir zunächst Eiszapfen von der Decke schlagen", hielt Wilfried Acker 1955 fest. König ergänzt: "Die Kälte war eher kein Problem. Die Häftlinge durften mit kleinen Öfen heizen. Doch das feuchte Klima ging zulasten der Gesundheit." Insbesondere dann, wenn der Kommandant stundenlange Steh-Appelle bei Hitze wie Kälte ausrief oder Sport bei strömenden Regen befahl und danach die Häftlinge mit nasser Kleidung in das Kellergewölbe zurück schickte. "Der Alltag war brutal. Getötet wurde hier jedoch nicht. Das kam erst später in Dachau oder Auschwitz." Anfangs sei der Terror noch nicht vollends organisiert gewesen.

"Als Homosexueller sehe ich das alles noch schlimmer. Ein Outing, heute völlig normal, wäre damals einem Todesurteil gleichgekommen", meint Patrick Bittner. Schockierend sei es, dass eine solche Schutzfestung zur Strafanstalt gemacht worden sei. Die neue Funktion war keinesfalls geheim. "Das Ulmer System war öffentlich. Die Zeitungen berichteten", sagt König zum Abschluss und blickt in nachdenkliche Gesichter. Ob Buck für seine Taten zur Rechenschaft gezogen worden sei, wird gefragt. 1955 sei er aus der Kriegsgefangenschaft freigekommen. "Ehemalige Häftlinge haben ihn danach wegen der hier verübten Verbrechen angeklagt, doch die Staatsanwaltschaft ließ kein Verfahren zu." Damit widerfuhr selbst nach dem Terror den Leidtragenden dieser menschenunwürdigen Anstalt keine Gerechtigkeit.


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Autor: STEFAN BENTELE | 30.09.2011

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