Open-Air-Start auf der Wilhelmsburg

"Ein Sommernachtstraum" auf der Wilhelmsburg - nicht wirklich: Ein Unwetter krachte ins Premierenfinale, und Regisseur Andreas von Studnitz inszenierte sehr frei nach Shakespeare. Applaus im Regen.

JÜRGEN KANOLD |

Den "Sturm" gibt's auch von Shakespeare. In diesem Stück zerschellt zunächst mal im Unwetter ein Schiff an den Felsen einer Insel. Auf der Wilhelmsburg aber war am Samstag "Ein Sommernachtstraum" angesagt, der gleichwohl im Gewitter und mit Wolkenbruch endete. Man könnte noch einige andere Titel des englischen Dramatikers bemühen, um den Premierenabend zu beschreiben: "Komödie der Irrungen", "Viel Lärm um nichts" oder "Wie es euch gefällt". Andererseits geht es in der "Ulmer Fassung" des Regisseurs Andreas von Studnitz gar nicht so sehr um William Shakespeare. Oder wie Puck, der Zauberelfe, das Treiben einmal kommentiert: "Die proben was? Shakespeare oder Brecht?" Von Studnitz spielen sie.

Die Bühne von Britta Lammers aber: vielversprechend. Weißes Tuch überdeckt den banalen Asphalt (und Malereien für die "West Side Story", das andere Open-Air-Stück). Der Boden ist bereitet für eine bunte Aktion, ein Hippie-Wohnwagen parkt vor riesenhaften "Love"-Lettern. Das wäre übrigens auch eine tolle Szenerie für das Musical "Hair" gewesen, das vor zwei Jahren auf dem Spielplan gestanden hatte. Jetzt radelt der Jazzer Wolfgang Lackerschmid als Flower-Power-Clown heran und klöppelt in der Musikbude lässig auf dem Vibraphon. Stimmungsvoll. Nur muss der Zuschauer fortan seinen Shakespeare schon sehr gut kennen, denn in Studnitz' 100-Minuten-Version mit umgangssprachlichem Neudeutsch geht alles schnell - und etwas anders.

Hippolyta und Theseus kreisen aufgeplustert um die Bühne, die Dame singt, der Herr schiebt eine sieche Queen im Rollstuhl vor sich her. Sie bereiten sich nicht auf die Hochzeit vor, Theseus möchte Hippolyta, es herrscht Ehestress, vielmehr zum zehnten Hochzeitstag mit einer Theateraufführung erfreuen. Eine Queen im Rollstuhl? Wenn Jörg-Heinrich Benthien und Tini Prüfert dann zu Oberon und Titania verwandelt erscheinen, aufersteht die feine Alte als Puck, die den Elfenkönig im Kinderwagen herumzieht - der Frauenheld als Heulsusen-Baby, und Titania ist auch unverhext schon liebestoll.

Ulla Willick spielt den Puck herrlich knarzend, kommt direkt aus dem "Nackten Wahnsinn" und verstaut in der Handtasche nicht nur Zaubertropfen, sondern auch den Flachmann. Das sind Schlaglichter, das ist kein Erzählfluss, die Regie führt Typen vor in fantasievoll poppigen Kostümen (Gabriele Frauendorf) - vielleicht auch deshalb, weil im weiten Innenhof, mit großer Distanz zur Tribüne, ein Kammerspiel schwer möglich ist?

Aber das Taumeln im Irrgarten der Gefühle, das Ringen leidenschaftsvoller Menschen um Vernunft, die Machtspiele, die romantischen Zwischentöne? Was ist Wirklichkeit, was nur theatralischer Schein? Shakespeare dekliniert das alles im "Sommernachtstraum" auf fünf Ebenen durch, vom Athener Herrscherpaar bis runter zum Stück im Stück der braven Handwerker. In von Studnitz' Regie geht's eher nur um Triebe, den Sex. Das steckt gewiss tief drin in Shakespeares Komödien, die vor gut 400 Jahren in London schon als sinnenfroher bis verruchter Showbiz beliebt waren. Aber hier müssen Demetrius (Florian Stern) und Lysander (Christian Streit) sportiv an Helena (Aglaja Stadelmann) herumrammeln. Und wie wacht der zum Esel verzauberte Zettel (Dan Glazer) aus seinem Traum auf? Natürlich mit Monster-Ständer, über den Puck eine Glitzerhülle stülpt. Ein "Sommernachtstraum" mit weniger Erektion würde das Publikum vielleicht mehr erregen.

Wirklich witzig ist gewissermaßen der Original-Trash im "Sommernachtstraum", die Handwerker-Dramenposse ("wer spielt die Tippse, äh, Thisbe?"). Ein Spaß mit Fabian Gröver als Riesenzylinder tragender Squenz, der Akteuren wie Publikum naiv erklärt, wie Theater funktioniert. Das Unwetter störte dann zwar am Premierenabend massiv das Finale, doch das Ensemble des Theaters Ulm spielte bewundernswert durch. Das heißt, dieser reale Sturm sorgte für eine grandiose Pointe: "Ich danke dir, süßer Mond, für deine Sonnenstrahlen", säuselt Pyramus. Aber den Laternenmond, den Squenz verzweifelt hochhält, hat der Wind schon böse zerfetzt.

Info Nächste Aufführungen: 18., 19., 21., 23., 26. Juni.

Pausengespräch

"Dass wir uns auf unseren Partner, den Himmel, verlassen können", hatte Intendant Andreas von Studnitz vor der Premiere noch gehofft - nun ja. In der Pause, so gegen zehn, blitzte es bereits unheilvoll. Gegen halb elf setzten Windböen ein und wirbelten auch das riesenhafte "Love"-Tuch auf der Bühne auf. Schielte da nicht mit einem Auge Donald Duck hervor? Ja, aber die Graffiti-Wand vor der Festungsmauer kommt erst ab nächsten Samstag bei der "West Side Story" zum Einsatz. Bedrohlich krachte es mittlerweile im Tribünengebälk, um Viertel vor elf setzte heftiger Regen ein. Ein Sommernachtstraum? Eher weniger. Jetzt tobte ein mächtiges Gewitter. Abbruch? Der Intendant ließ seine tapferen Akteure weiterspielen bis zum Ende. Großer Applaus dann in der Open-Air-Dusche kurz nach elf. Das Publikum wollte gar nicht mehr gehen - jedenfalls nicht so lange es derart aus dem Himmel schüttete.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Themenschwerpunkt

Theatersommer auf der Wilhelmsburg

Theatersommer auf der Wilhelmsburg

Vom 6. Juni bis 15. Juli 2015 veranstaltet das Theater Ulm auf der Wilhelmsburg seinen Theatersommer. Inszeniert werden die Komödie "Ein Sommernachtstraum" von William Shakespeare sowie Leonard Bernsteins Musical "West Side Story".

mehr zum Thema

Zum Schluss

Umfrage: Internet auf der ...

Stiller Ort zum Surfen: Die Toilette. Foto: Monika Skolimowska

In der einen Hand das Klopapier, in der anderen das Smartphone - für fast jeden Zweiten in Deutschland ist das einer Umfrage zufolge kein Problem. 45 Prozent der Befragten gaben an, dass sie auf der Toilette selten oder regelmäßig im Internet surfen. mehr

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr

Mückenplage droht – ...

Wo kommt sie vor? Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus).

Deutschland droht eine Stechmückenplage. Der Grund: das feuchtwarme Wetter. Experten bitten darum, Mücken zu fangen und einzusenden. mehr