Offene Konflikte

Jüdische Autoren zu Gast in Ulm und auch eine jüdisch-arabische Theatertruppe mit einem politisch aktuellen Stück: Die zweite Kulturwoche Israel ermöglichte im Podium spannende Begegnungen.

JÜRGEN KANOLD ... |

Tödliche Messerattacken auf Juden, hart durchgreifende Sicherheitskräfte, blutige Unruhen im Westjordanland. Die israelische Luftwaffe attackiert den Gazastreifen. Im Streit um den Tempelberg in Jerusalem schaukelt sich die Gewalt zwischen Israel und den Palästinensern weiter hoch. Erlebt der Nahe Osten gerade den Beginn einer dritten Intifada?

Das ist die Realität. Und dann ist in diesen Tagen das jüdisch-arabische Theater Yaffo in Ulm bei der 2. Kulturwoche Israel zu Gast und spielt das Stück "Der Pfau von Silwan", das von der Vertreibung der Palästinenser im Osten Jerusalems handelt. Eine junge Israelin möchte eigentlich nur ein paar Fotos in dem Haus machen, in dem ihre Großmutter einst lebte. Jetzt wohnt dort eine palästinensische Familie - aber eigentlich sucht der schmierige wie machtbewusste Yoram nur eine Gelegenheit, um die Palästinenser zu enteignen. Ein israelischer Archäologiepark "König David" soll entstehen. Ausgerechnet.

Man muss eigentlich nicht tief graben, um die menschlichen und politischen Konflikte und Dramen im Nahen Osten freizulegen. Sie sind uralt. Und scheinen für alle Zeiten zementiert. Aber auch dieses Theaterstück ist Realität, ja, so erzählten die Schauspieler, die Autorin Alma Ganihar und die Regisseure Sinai Peter und Chen Alon nach der Aufführung im Podium: Diese Geschichte des "Pfaus von Silwan" sei wahr, das Stücke zoome direkt in den Alltag hinein. Die Theatertruppe spielte es in der Küstenstadt Akko in realen Gebäuden.

Vor allem: Es spielen jüdische und arabische Schauspieler gemeinsam, Laien und Profis. Ein solches Theaterprojekt ist ein mutiges Bekenntnis im Staate Israel, der die arabische Bevölkerung in Ost-Jerusalem einsperre, schikaniere, geradezu in der Apartheid halte, wie Chen Alon betont. Es ist eine politische Tat. Das Stück endet mit einem tragischen Tod - der aber anklagt, zur Vernunft ruft.

"Wer dort nicht lebt, kann das alles nicht verstehen", sagt freilich eine Schauspielerin in der Publikumsrunde. Unbegreiflich mag das Geschehen sein für das deutsche Publikum. Aber das war ein starkes Gastspiel, das Volkmar Clauß zu der von ihm organisierten zweiten Kulturwoche Israel eingeladen hatte: eine warmherzige Begegnung auch mit einer sympathischen, hoch engagierten Theatertruppe.

Die Qualität des Stücks "Der Pfau von Silwan" - so heißt der Friseur- und Schönheitssalon, den Iman führt - ist der menschliche Blick. Wer die Zäune des Vorurteils niederreißt, sieht die Araberin Yasmin, die von Paris und einer Karriere als Sängerin träumt - wie andere junge Frauen auch.

Mit einer Eigenproduktion des Theaters Ulm hatte die israelische Kulturwoche begonnen: mit der deutschen Erstaufführung des Stücks "Die gläserne Wand" von Oren Yaacobi. Die Glaswand steht zwischen Mutter und Tochter. Aber sie steht auch für die spröde Sturheit der Protagonisten. Jeder möchte mit dem Kopf durch die Wand. Das geht nicht ohne Blessuren und Beziehungsscherben, ohne Nachgeben und Aufgeben.

Opas letzter Wille ist eine Zumutung. Der alte Herr möchte, dass seine Asche im Ex-Konzentrationslager verstreut wird. Dort entkam er als kleiner Junge nur knapp dem Holocaust. Die folgsame Tochter setzt alles daran, ihrem Vater diesen Wunsch zu erfüllen. Nur die Enkelin schießt quer. Der Autor Oren Yaacobi, geboren 1974 in Netanya, Israel, ist Jude in dritter Generation wie seine Figur Chaya (Julia Baukus) und deren Bruder Netzach (Christian Streit). Er habe für die Rolle der Mutter seine eigene Mutter vor Augen gehabt, meinte der Autor nach der Aufführung. Sich selber beschreibt er in dem flippigen, vorwärts gerichteten Netzach.

Das Stück beginnt mit einem unwillkommenen Besuch. Chaya lebt als Tänzerin in Berlin, als ihre Mutter Vicky mit der Urne anreist. Mutter und Tochter gehen sich aus dem Weg und prallen natürlich doch aufeinander. Und wenn man dann schon zusammenkommt, kann man sich gleich mal ein paar Unverschämtheiten an den Kopf werfen. Die Tochter bezichtigt ihre Mutter einer Gedenkobsession, hinter der sie immer zurückstehen musste. Mama empfindet die Lebenslust ihrer Tochter als unangemessenen Umgang mit der Vergangenheit. Mit der Bemerkung "Die sind alle beide bescheuert" regelt der Sohn die verfahrene Familienkiste für sich und widmet sich lieber dem oberflächlichen Vergnügen.

Dieses läuft ihm als Fahrkartenkontrolleurin über den Weg. Aglaja Stadelmann trampelt als prollige Anna durch die Szenen. Doof, aber sexy: Sie sie der Gegenpol zu den intellektuell belasteten Juden. Sie schreibt Netzach ihre Telefonnummer auf den ausgestreckten Unterarm. Der Zuschauer versteht die Anspielungen auf die Tätowierungen der KZ- Häftlinge, Anna ist zu bescheuert zum Kapieren, und Netzach macht es nichts aus.

Christian Streit spielt den unbefangenen und unbelasteten Lebensgenießer mitreißend ungestüm. Dagegen mimt Christel Mayr die Mama im Dauerkummermodus. Vor lauter Verantwortung hat sie das Leben vergessen. Das holt die Tochter nach, die von Julia Baukus selbstbewusst und lebensfreundlich gespielt wird.

Für große Herzenswärme in diesem kalten Familienstreit sorgt Josef (Maximilian Wigger-Suttner), der Leiter der Gedenkstätte. Er fordert weder Schuld noch Opfer, hat vergeben, nicht vergessen. Seiner Güte liegt sogar Vicky zu Füßen. Bewundernswert, wie viel innere Gelassenheit Maximilian Wigger-Suttner in diese Rolle legt.

Im Bühnenbild zeigt Britta Lammers den stilisierten Nachbau eines Gedenkstättentors. Im gleichen Holz gebaut wie die übrigen Möbel, fügt es sich in die Gegenwart ein. Unter der Regie von Oliver Haffner war die klare, fein durchdachte Aufführung ein frischer Umgang mit Opferrollen und Vereinnahmung. Die Klischees blieben draußen, aber dem Humor sind Tür und Tor geöffnet. Erfrischend auch, wie Opas letzter Wille doch noch in Erfüllung geht.

Theater auf dem Spielplan

Eigenproduktion Die von Volkmar Clauß kuratierte zweite Kulturwoche Israel aus Anlass "50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel" zeigte neben dem "Pfau von Silwan" auch das deutsch-israelische Rechercheprojekt "Love Hurts" von Avishai Milstein im Podium - eine Koproduktion des Badischen Staatstheaters Karlsruhe mit dem Teatron Beit Lessin Tel Aviv. Und es gab im Podium des Theaters Ulm auch eine Premiere: die deutsche Erstaufführung "Die gläserne Wand" von Oren Yaacobi. Diese von Oliver Haffner inszenierte Eigenproduktion steht weiter auf dem Spielplan. Die nächsten Aufführungen im Podium: 16., 21., 30. Oktober; 5. und 13. November; 5. und 12. Dezember.

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