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Obertalfingen ist obenauf

Obertalfingen hat nichts mit Thalfingen zu tun. Obertalfingen ist altes Ulm. Der Geschichte des Ortes und des Schlosses dort bis in heutige Tage ist jetzt in einem feinen Band nachzuschmökern.

JAKOB RESCH | 0 Meinungen

Nach der Fußball- WM mischt sich derzeit noch eine bunte Südafrika-Flagge unter die schwarz-weißen Ulmer Fahnen direkt vor dem Schloss Obertalfingen. Das zeigt: Hier ist die Zeit keineswegs stehen geblieben. Im Gegenteil bringt die Eigentümergemeinschaft Düsterer-Geyer-Staiger Leben in die historische Bude und lebt derweil sanierend weiter auf einer Baustelle. Zeit genug, ein Buch über die Geschichte des Ortes zu verfassen, musste aber trotzdem sein, vergangene Woche ist es dortselbst vorgestellt worden (wir berichteten).

Urheber und Herausgeber ist Michael Geyer. Er steht für eine dieser drei Parteien im dreigeschossigen Schlösschen und knabberte seit jeher ein bisschen daran, dass Obertalfingen im äußersten Ulmer Osten von den Städtern hinten drunten nicht gebührend geachtet wird. Diese Ignoranz führte in den 1980ern allen Ernstes zur Überlegung, es gegen Bauland für Böfingen an die Nachbargemeinde Elchingen abzugeben, zu der Thalfingen am Fuße des Schlosses gehört. Kurzum, es galt mit diesem Buch Obertalfingen in seinem Recht als angestammter Ulmer Stadtteil zu bekräftigen, wobei über die Ortschronik hinaus ortsgebunden das Geschlecht der Besserer und das Ulmer Patrizierleben mit zu berücksichtigen waren.

Für Ulm war der Ort im Osten einst nicht unerheblich als Ausguck in den Ulmer Winkel, die Donauebene und ins Bayerische hinein. Tatsächlich zeigte sich das Schloss mit Mauer und Türmen wehrhaft. Andererseits war es herrschaftlich eingerichtet, mit eigenem Abtritt je Appartement und einzigartigen Deckenmalereien, heute blühend wieder hergerichtet. Eigentlich muss die Rede sein von einem ganzen Gut, das seinen guten Namen von einem 1404 erstmals erwähnten Gesundbad hatte; der "Badberg" zeugt noch heute davon. "Bad Obertalfingen" zog eine Menge Gäste an, die Quelle sprudelt bis heute. 1540 erwarb Eitel Eberhard Besserer das Anwesen und baute dort das Renaissanceschloss. Seine Linie lief fortan als "Besserer von Thalfingen", die der Überlieferung zufolge durchaus eitle Fatzken hervorgebracht hat.

Natürlich hatte die Patrizierfamilie noch viel mehr Besitz in und um Ulm, so das Schloss in Bernstadt und das Schuhhaus in der Stadt. Die Erbfolge derer von Thalfingen führte bis zum bärbeißigen Konrad Besserer, genannt "der letzte Raubritter vom Berg", der 1912 mit einem Automobil der Marke Cyklonette aus Berlin die Straßen verunsicherte, und zu seiner Tochter Martha, die 1980 fast 90-jährig starb. Verwandtschaft aus dem Bayerischen diente das Schloss noch der Stadt als Gästehaus an, dann ging es auf das Mieter-Ehepaar Lackner über. Das Mobiliar verkauften die Besserer-Erben vertragsbrüchig an der Stadt vorbei auf dem freien Markt.

Ein eigenes Buchkapitel über die Begegnung mit Martha Besserer steuert Eberhard Neubronner bei. SWP-Redakteur Rudi Kübler liefert aus Archivquellen einen Text über den "Gesondbronnen" und die "fürtrefflichen Tugenden" des Heilwassers, das auch Schwangerschaften Erfolg verhieß. Und Günter Bodmer erzählt vom kunstsinnigen Chirurgen Cajus Burri, der im Hofgut residierte. Welche Emotionen der Ort freisetzt, beweist Ulrich Klemm als Verleger: "Einmal wollte ich auch ein Buch über ein Schloss präsentieren." Im Übrigen sei auch die Familie der Besserer das Werk wert gewesen, "über die wir in den letzten Jahren kaum etwas gelesen haben".

Langer Artikel, kurzer Sinn: Dieses Büchlein über eine alte Sommerresidenz mit neuer Identität ist eine treffliche Sommerurlaubslektüre - wenn auch heute leider nicht mehr im einst beliebten Ausflugslokal von Obertalfingen zu genießen.

Info Michael Geyer: Obertalfingen, das Ulmer Patriziat und das Geschlecht der Besserer. Klemm+Oelschläger, 70 Seiten, 13,80 Euro.

ISBN 978-3-932577-78-9.

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