Neustart in der "Bauernstube"

Fast zwei Jahre war sie stumm. Jetzt klingt sie wieder, die Orgel der Martin-Luther-Kirche - und zwar so, wie sie vor 82 Jahren projektiert worden war. Am 24. Januar wird das sanierte Instrument feierlich eingeweiht.

Die Martin-Luther-Kirche war von Anfang an als Musikkirche geplant, als Gegenstück zum Münster. Auch deshalb, weil das Münster mit seinen bis zu acht Sekunden Nachhall zwar eine majestätische, aber nicht unproblematische Akustik besitzt. Zu einer Musikkirche gehört natürlich eine Orgel.

Und die Walcker-Orgel der 1928 eingeweihten Lutherkirche ist ein sehr eigenwilliges Instrument - ein Kind ihrer Zeit, wie Lutherkirchen-Pfarrer Andreas Wiedenmann erzählt. Denn während die meisten anderen Walcker-Orgeln jener Zeit rein spätromantische Instrumente waren, wurde die Lutherkirchen-Orgel zu einer Zeit gebaut, in der sich das Klangideal schon wieder zu verschieben begann. Die elsässische Orgelreform propagierte damals unter anderem eine Rückbesinnung auf klarere, hellere, barocke Klänge. Überhaupt: Rückbesinnung wurde in den 20er Jahren groß geschrieben. Und so besannen sich die Orgelbauer sogar auf die Renaissance, bauten so seltene Orgelregister wie Rankett oder Krummhorn ein.

Diese Mischung ist extrem selten - und mit ein Grund dafür, dass sich die Reformationsgemeinde, zu der die Luther-Kirche gehört, dazu entschloss, das mehr als 80 Jahre alte Instrument zu sanieren und auf den Urzustand zurückzubauen, erklärt Wiedenmann. Er ist nicht nur Theologe, sondern auch ein Fachmann, hat Musik studiert, spielt unter anderem auch Orgel und ist der für Kirchenmusik zuständige Pfarrer der Ulmer Gesamtkirchengemeinde.

260 000 Euro hat die gesamte Sanierung der Orgel gekostet - nicht nur, weil das Instrument in einem desolaten und eigentlich unspielbaren Zustand war. Die Orgel war auch umgebaut worden. Zum einen optisch: Denn im Originalzustand waren die Orgelpfeifen nicht zu sehen, sie waren hinter einer Holzverschalung verborgen. Was einst Albert Schweitzer bewog, nicht in der Luther-Kirche zu spielen: "In dieser Tiroler Bauernstube spiele ich nicht. Und auf einer Orgel ohne Gesicht erst recht nicht", soll der bekannte Organist, Urwald-Arzt und Friedensnobelpreisträger in Anspielung auf die verdeckten Orgelpfeifen und das Holzinterieur der Lutherkirche gesagt haben.

Mit dem optischen Umbau war es aber nicht getan. In den 60er Jahren wurde auch das Innere des Instruments dem Zeitgeschmack angeglichen, und der tendierte ganz zum barocken Orgelklang, den silbrigen Klang der berühmten Silbermann-Orgeln. Nur diese Register gab es in der Lutherkirche nicht. Die Lösung: Pfeifen aus dem 4-Fuß-Register wurden einfach um die Hälfte gekürzt, um daraus die fürs barocke Klangbild benötigten eine Oktave höher klingenden 2-Fuß-Pfeifen zu machen. Nicht gerade die feine Art, in ein Instrument einzugreifen, und das Klangergebnis "war auch nicht gerade berauschend", formuliert Wiedenmann vorsichtig.

Diese Pfeifen wurden selbstverständlich wieder gelängt. Auf die Superoktave muss aber nicht verzichtet werden, denn die kann jetzt vom Spieltisch aus zugeschaltet werden. Überhaupt der Spieltisch: Der ist jetzt voll digital. Die Tastenbefehle werden elektronisch übertragen. Der Vorteil: Auch bei voller Registrierung lassen sich die Tasten immer mit dem gleichen Druck spielen. Jeder Organist kann seine eigenen voreingestellten Registrierungen per einfachem Knopfdruck abrufen.

Dank eines digitalen Sequenzers (das ist ein Programm, das sich die gespielten Noten merkt) kann der Organist auch schon Musik vorbereiten. "Die könnte auch per Fernsteuerung von der Kanzel abgerufen werden", erklärt Wiedenmann. Ein Gottesdienst ohne Organist wäre also technisch möglich. "Aber das wollen wir nicht", sagt Wiedenmann. Schließlich ist die Martin-Luther-Kirche ja eine Musikkirche. Und die feiert ihre restaurierte Orgel nicht nur bei der Einweihung am 24. Januar und Konzerten, sondern auch mit Sommerlichen Orgelfestwochen im Mai und Juni.


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Autor: HELMUT PUSCH | 12.01.2010

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