Mit einem guten Buch in der Stadt, am Flussufer oder am See
Ulm/Neu-Ulm. Auf dem Münsterplatz, im Straßencafé, an der Donau oder am Baggersee: In Ulm, Neu-Ulm und drumherum gibt es wunderbare Lese-Plätze im Freien, um bei schönem Wetter zu schmökern. Ein Spaziergang.
Einladende Stühle, nette Gesellschaft, reichlich "Coffee to go" und Straßenmusik: Maika Schumann liebt es, auf dem Münsterplatz ein gutes Buch zu lesen. Angesichts des erhabenen Münsters und des städtischen Gewusels passt ein Buch "über die Vereinigung von mystischem Erleben und dem rauen Alltag" besonders gut: Die Lehrerin am Kepler-Gymnasium liest Jack Kornfields "Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen" (Goldmann). In den Ferien habe sie die Muse, sich dem Philosophieren hinzugeben - das Buch habe sie gekauft, "um zu wachsen".
Vom Anblick des Münsters angetan ist auch die Amerikanerin Nadine Marsnik, die einen der begehrten weißen Stühle auf dem Platz ergattert hat. Sie ist mit ihrem Sohn auf Deutschlandreise: Er wollte zur Münsterbesteigung einen Abstecher nach Ulm machen - da Nadine Marsnik unter Höhenangst leidet, wartet sie, bis ihr Sohn von seiner Treppen-Tour zurückkehrt. Derweil liest sie "Children of men" von P. D. James, eine "mystery story", erklärt Nadine Marsnik. Das Blättern ist ungewohnt für sie, normalerweise liest sie E-Books, doch ihr Lesegerät hat während des Urlaubs das Zeitliche gesegnet.
Die Amerikanerin ist nicht die einzige, die sich mit einem Buch die Wartezeit auf Münsterbesteiger verkürzt: Auch die Ulmer Schülerin Katharina sitzt dort, in ihren Krimi "Numbers" von Rachel Ward (Chicken House) vertieft, während ihre Cousins den Turm erklimmen. Sie bleibt lieber auf dem Boden - sie lese gern "street".
Die Neu-Ulmer Schülerin Jasmin Braun nimmt das "Street-Lesen" noch wörtlicher: An der Bushaltestelle am Rathaus, zwischen Einkaufstaschen und Wartenden eingequetscht, schmökert sie in ihrem Manga-Taschenbuch: "Magister Negi Magi" (Egmont Manga & Anime) von Ken Akamatsu. "Das ist das japanische Pendant zu Harry Potter", erklärt sie. "Der Comic vermittelt nicht wie Pokémon ein simples Schwarz-Weiß-Denken, sondern befasst sich auch mit politischen Themen. Verdammt witzig, aber auch etwas pervers." Und wie in Japan üblich, wird natürlich von rechts nach links gelesen.
Eine ungewöhnliche Art zu lesen hat auch Angela Fengler, die sich für ihre Mittagspause ein lauschiges Plätzchen an der Valentinskapelle beim Münster gesucht hat: Die Reisebüro-Mitarbeiterin kann nur zur zur Musik vom I-Pod lesen. Parallel zur Lektüre des Klassikers "Stolz und Vorurteil" von Jane Austen (Reclam) singt ihr PlanB den Hit "She said" ins Ohr.
Eine 200 Jahre alte Geschichte mit einer neuen Perspektive: Damit setzt sich die Praktikantin Petra Eisele im "Italia" vor dem Rathaus bei einer Kugel Eis auseinander. Sie liest "Kohlhaas" von Elisabeth Plessen (Fischer), eine Neuerzählung des Kleistschen Stoffes. "Ich hatte den ,Kohlhaas im Abi und wollte wissen, wie man die Story sonst noch so interpretieren kann." Sie hat den Wälzer beim Stöbern im "Dauerflohmarkt" der Stadtbibliothek entdeckt.
Einer Frau, die es sich auf einer Bank am Ulmer Donauufer bequem gemacht hat, hat der Zufall - in Gestalt einer Freundin - seichtere Lektüre in die Hände gespielt: Anne Hertz "Goldstück" (Knaur), Herzschmerz, "wahrscheinlich mit Happy End". Auf der anderen Seite, am Neu-Ulmer Jahnufer, ist die Lektüre weniger seicht: Ein Informatiker kämpft sich durch "Leben und Beruf - eine spirituelle Herausforderung" von Anselm Grün (dtv). Doch er kämpft gerne: "Das Buch hat Qualität und keine inneren Widersprüche. Es schlägt oft den Bogen zu alten Quellen, baut also auf Jahrhunderten auf, so wie die Mauer am anderen Donauufer." Öfter radle er mit seinem Fahrrad zum überdimensionalen Schachbrett in der Parkanlage, um nach Gegnern Ausschau zu halten. Wenn sich nichts ergebe, schlage er ein gutes Buch auf: "Hier hat man einen schönen Ausblick auf die Altstadt und automatisch Zeit. Ich finde es immer super, wenn ich mir die Zeit zum Lesen nehme. Das ist gar nicht so einfach, weil immer was los ist."
Viel los ist bei Sonnenschein am Baggersee in Ludwigsfeld - auch dort wird fleißig gelesen. Anne Fugger hat es sich mit Iny Lorenz Bestseller "Die Wanderhure" (Knaur) am Ufer gemütlich gemacht: Im Schatten einer Birke sitzt sie auf ihrer Picknickdecke und lässt sich von dem Mittelalterdrama mitreißen. "Ich interessiere mich dafür, wie die Menschen früher gelebt haben. Allerdings finde ich die Zeit zum Lesen nur, wenn ich baden gehe - im Winter lese ich dann im Hallenbad." Sie ist ihrem Sohn zuliebe aus Dornstadt hergefahren: "Hier hab ich kein schlechtes Gewissen, wenn ich faulenze, denn ich tue meinem Sohn ja einen Gefallen."
Nochmal Historisches: Saskia Wagner hat es sich mit Wolf Sernos "Der Wanderchirurg" (Droemer Knaur) am See bequem gemacht. Die Abiturientin liebt historische Romane und Fantasy-Geschichten.
Marco Kögl, der sich ein paar Meter weiter sonnt, blättert in einer "Sport Bild", aber nur, weil die "Auto Bild" ausverkauft war. Er ist nämlich versessen auf Motorräder, Lesen ist für ihn lediglich "Beschäftigungstherapie": "Richtige Bücher lese ich nicht, dazu habe ich einfach nie den Draht gefunden. In meinem ganzen Leben habe ich vielleicht 20 Bücher gelesen, 10 davon in der Schule."
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Autor: THERESA PLEITNER | 14.08.2010
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Leser kennen keine Langeweile: Jasmin Braun wartet mit einem Manga auf den Bus, Petra Eisele versüßt sich die Mittagspause mit Eis und einem neu erzählten Kleist-Klassiker, Marco Kögl blättert am Baggersee in der "Sport Bild", Abiturientin Saskia Wagner findet dort Zeit für einen historischen Roman. Fotos: Theresa Pleitner
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