Migration: Syrer schnuppert rein

Ein junger Syrer bei Reinz gibt Hoffnung, dass die Integration von Flüchtlingen Fortschritte macht. Er bildet allerdings eher die Ausnahme. Bei der Agentur gelten derzeit nur wenige Migranten als ausbildungsfähig. Mit einem Kommentar: Bisher ein Hoffnungsschimmer.

FRANK KÖNIG |
Die Integration von Flüchtlingen in Arbeit und Ausbildung ist eine schwierige Aufgabe, die alle Beteiligten vor erhebliche Herausforderungen stellt. Das wird gerade beim Hersteller von Zylinderkopf-Dichtungen Reinz im Neu-Ulmer Steinhäule deutlich. Dort absolviert der 22-jährige Syrer Muhamad Al Haj Ali ein einmonatiges Praktikum mit Berufsziel Maschinen- und Anlagenführer. Der Leiter der Lehrwerkstatt, Simon Flandi, erkennt bei ihm einerseits eine Begabung für den anspruchsvollen Job in der Autozuliefererindustrie. Al Haj Ali hat auch die Praktikumsaufgabe, einen kleinen Hubschrauber aus mehreren Materialien zu bauen, mit Bravour gelöst. Andererseits werden sich die Hoffnungen der Arbeitsagentur auf eine Lehrstelle für den jungen Syrer nicht so rasch erfüllen: Er muss sich nach den Worten von Personalchef Ulrich Semler für die neue Runde 2017 bewerben, da für 2016 alle Lehrstellen vergeben sind.

Das zum amerikanischen Dana-Konzern gehörende Unternehmen, bei dem Lehrstellen-Bewerbungen im Zuge des demographischen Wandels ebenfalls rückläufig sind, gibt Al Haj Ali dann aber gute Chancen. Das dürfte auch mit seiner Vorqualifikation – zwölf Jahre Schule und ein halbes Jahr Studium – und Fortschritten in der deutschen Sprache mit Niveau B 1 zusammenhängen. Al Haj Ali stammt aus der südwestlichen Stadt Daraa, in der der Bürgerkrieg seinen Ausgang nahm.

Der Syrer hat das Eintrittsticket bei Reinz über eine 14-wöchige berufspraktische Weiterbildung in der Bildungsakademie der IHK Schwaben in der Heinz-Rühmann-Straße erhalten. Die IHK in Augsburg kümmert sich in erster Linie um jüngere Flüchtlinge und versucht, ihnen möglichst rasch einen Einstieg in die Berufswelt zu verschaffen.

Wie schwierig dies gleichwohl ist, zeigt die Statistik der zu Donauwörth gehörenden Arbeitsagentur Neu-Ulm. Dort beziehen nach Angaben von Teamleiterin Angelika Walter derzeit 224 anerkannte Flüchtlinge Arbeitslosengeld II, im Volksmund Hartz IV. Monatlich kommen nun 20 bis 25 Flüchtlinge dazu, die das Anerkennungsverfahren durchlaufen haben. Von ihnen besuchen vier Fünftel Sprachkurse, lediglich sechs gelten als ausbildungsfähig, und nur fünf haben ein Praktikum. Außerdem liegen bei der Agentur demnach keine Anfragen von Firmen vor, die Flüchtlinge aus humanitären Gründen einstellen wollen.

Die Agentur mit Sitz in der Reuttier Straße hat inzwischen ein „Kompetenzzentrum Flucht“ eingerichtet, dem nach Walters Worten im Endausbau vier Mitarbeiter angehören sollen. Sie erstellen nach ihren Worten auch Potenzial-Analysen von Flüchtlingen. Es zeige sich allerdings, dass voraussichtlich nur etwa zehn Prozent eine Ausbildung absolvieren wollen und können. Die große Mehrzahl wolle arbeiten, um finanziell unabhängig zu werden und sich einen gewissen Lebensstandard leisten zu können. Allerdings kommen für sie bloß Jobs als betriebliche Helfer in Frage.

Dennoch wird bei Reinz deutlich, dass die regionalen Unternehmen vor allem in den gewerblich-technischen Berufen Nachwuchs aus den Reihen der Flüchtlinge integrieren können. Semler machte deutlich, dass mittlerweile 70 Prozent der Realschüler eben keine duale Berufsausbildung, sondern einen höheren Schulabschluss anstreben. Ansonsten gehe der „Trend zur Büroarbeit“. Daher muss auch ein Traditionsunternehmen wie die 1947 gegründete Firma Reinz Nachwuchswerbung betreiben, präsentiert sich nun mit hohem Aufwand – wie einem bei VW ausgeborgten Bugatti-Motor – auf der Ulmer Bildungsmesse und bietet jährlich mehr als 50 Praktika. Reinz zählt sich zu den etablierten Zulieferern: „In jedem Auto auf der Welt“ sind Reinz-Teile eingebaut, sagte Personalchef Semler. Das Unternehmen beschäftigt im Steinhäule rund 1100 Mitarbeiter und bildet in allen drei Lehrjahren etwa 45 junge Menschen aus.

 

Auch in Ulm gibt es Praktika für Flüchtlinge

Vorbereitung
Bei der Arbeitsagentur Ulm – zuständig für Stadt Ulm, Alb-Donau-Kreis, Kreis Biberach – absolvieren 55 Flüchtlinge einen Kurs zur Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt, mit einem sechswöchigen Praktikum. Die Hälfte hat den Kurs schon abgeschlossen.

Jobcenter
Beim Jobcenter Ulm waren zuletzt 310 Bedarfsgemeinschaften mit bleibeberechtigten Flüchtlingen registriert. 2016 sind 54 hinzugekommen. Die Zahl pendelt sich auf 35 bis 40 pro Monat ein. Alb-Donau: bisher 280 Flüchtlinge, 15 bis 20 neu pro Woche.

Arbeitgeber
Die Arbeitsagentur fragt routinemäßig bei Arbeitgebern mit Stellenangeboten nach, ob sie auch Flüchtlingen eine Chance geben würden. Dabei hat sich gezeigt: 64 würden Flüchtlingen einen Job geben, 32 eine Ausbildung – noch ohne feste Zusage.

Ein Kommentar von Frank König: Bisher ein Hoffnungsschimmer

Beim Autozulieferer Reinz kommt der neue Syrer gut an, das ist auf regionaler Ebene in der Flüchtlingskrise vielleicht so etwas wie ein Hoffnungsschimmer – allerdings, das muss man ehrlich sagen, derzeit auch nicht viel mehr. Der junge Mann aus Daraa scheint nicht nur ein umgänglicher Typ zu sein, sondern bringt vor allem Qualifikationen wie eine langjährige Schulbildung und nun in Deutschland erworbene Sprachkenntnisse mit, ohne die er in der Metallindustrie mit ihren komplexen Anforderungen vermutlich chancenlos wäre.

Flüchtlinge, die wie Muhamad Al Haj Ali ein Praktikum oder sogar eine Lehrstelle erhalten, bilden weiter die Ausnahme und sind an einer oder zwei Händen abzuzählen. Wieder wundert es, auch in Neu-Ulm, dass die regionale Wirtschaft – wie schon vom früheren Südwestmetall-Vorsitzenden und Zwick-Chef Jan Stefan Roell gefordert – nicht gezielt Flüchtlingen eine Chance gibt. Außer den Bäcker-Azubis bei Staib, die großes Medien-Echo fanden, gibt es keine Erfolgsmeldungen.

Am ehesten dürften in der Tat Handwerksbetriebe oder mittelständische Familienfirmen mit inhabergeführten Strukturen für die Aufnahme von Flüchtlingen in Frage kommen. Bei konzernzugehörigen Unternehmen – wie auch Reinz – wird man dagegen kaum ein Auge zudrücken wollen, wenn es mit der Qualifikation nicht so ganz passt: Zu streng sind die Vorschriften, zu hart die Kriterien der Auftraggeber und der weltweite Wettbewerb.

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