Mehr als Grandezza

Intendant Andreas von Studnitz muss am Theater Ulm selten zu jemandem aufblicken. Derzeit aber schon: zu Bass Dirk Aleschus. Der spielt und singt in "Rheingold" einen Riesen. Eine besondere Karriere.

Menschen spielen Götter, Männer spielen Frauen, Kinder spielen Greise. Die Kunst, das Theater, die Oper können uns all dies glauben machen. Und doch ist auch das mal unmittelbar beeindruckend, ja bezwingend: wenn ein Riese einen Riesen spielt. Dirk Aleschus, 2,10 Meter groß, Konfektionsgröße 126, Schuhgröße 53, ist im "Rheingold" am Theater Ulm der Fasolt - einer der Riesen, die Wallhall errichten.

Aleschus ist ein an deutschsprachigen, aber auch internationalen Bühnen zunehmend gefragter Bass. Eine mächtige Erscheinung, eine kraftvolle Stimme. Auf seiner Homepage heißt es pointiert: "Mit seinem - nicht nur stimmlichen - Volumen ist Dirk Aleschus zuständig für Komik und Überzeichnung, aber auch für mehr Drama, mehr Leidenschaft, mehr Tiefe sowie eine raumgreifende Erhabenheit. Kurz: Mehr Oper!" Schreiben Kritiker aber von "Grandezza", muss er lachen.

Er habe lernen müssen, "zu der Größe zu stehen", sagt der 38-Jährige mit dem sensiblen Händedruck. "Aufgerichtet habe ich mich erst mit 18 oder 19. Erst von da an bin ich gerade gegangen." Und bis dahin hatte er bereits einiges erlebt.

Aleschus stammt aus Neubrandenburg und spielte im Zentralen Musikkorps der FDJ: "Piccoloflöte?", sagt er grinsend, "nein, natürlich Tuba." Auf einer Konzertreise nach Salzburg setzte er sich ab - mit 15 Jahren. "Ich war überwältigt vom Konsum und entschied mich spontan: Ich bleibe im Westen." Er hatte eine Tante in Sindelfingen, sie war die erste Anlaufstelle. Er jobbte, zog nach Berlin, dann nach Hamburg. Bei Hagenbeck lernte er Zootierpfleger, wurde Elefantenpfleger. Diese Tiere liebt er "heiß und innig. Die afrikanischen Elefanten noch mehr als die indischen. Die sind ehrlicher."

Doch Aleschus interessierte sich auch für Musik, hatte eine ungewöhnliche Stimme: "Ich kam sehr hoch, meine Kopfstimme war gut ausgebildet." Eine Freundin riet ihm, sich bei der Gesangspädagogin Marianne Fischer-Kupfer, Ehefrau von Regisseur Harry Kupfer, vorzustellen. Die hörte sich seine Falsettstimme an und meinte: "Ein Kerl wie ein Baum - und singt wie ein Mädchen!" Dann wollte sie wissen: "Wie tief kommen Sie?" Er ließ seinen Bass erklingen, und von da an - mit 22 Jahren - war er ihr Schüler. "Ich war nie an einer Hochschule, aber sie wollte mich an ein Theater bringen."

Aleschus debütierte als Falstaff in "Die lustigen Weiber von Windsor" und als Osmin in "Die Entführung aus dem Serail" in Annaberg-Buchholz sowie als Sarastro in einer "Zauberflöte" in Altenburg-Gera. Dann war er drei Jahre fest am Tiroler Landestheater Innsbruck engagiert. Dort arbeitete er intensiv mit Intendantin und Kammersängerin Brigitte Fassbaender zusammen, hatte jeden zweiten Tag Unterricht bei ihr: "Viel Technik, viel Geduld. Ich habe ihr einiges zu verdanken."

Seit 2007 wird Aleschus vom berühmten Bass Kurt Moll geschult, den er bei einem Meisterkurs in Lübeck kennenlernte. "Das ist mehr als eine Arbeitsbeziehung. Er ist mein Mentor", sagt Aleschus. Moll war auch in der Ulmer "Rheingold"-Premiere. "Er hat mich das Durchhalten und das Umschiffen schwieriger Phasen gelehrt."

Mittlerweile ist der in Innsbruck wohnende Aleschus "gut gebucht", seit vergangener Spielzeit ist er freischaffend. Aufsehen erregte er an der Wiener Volksoper in der Rolle der Köchin in Prokofievs "Die Liebe zu den drei Orangen", zuletzt war er als Kasper und Eremit in einem Zürcher "Freischütz" zu sehen und zu hören; er war auch bei den Tiroler Festspielen Erl engagiert.

Sein Rollenfach "schwerer Spielbass/seriöser Bass" ist klar umzeichnet. "Bei Wagner und Strauss sind es die Großen, die Könige und Landgrafen - und sonst oft tumbe, spaßige Charaktere", weiß Aleschus. "Das dazwischen fällt mir schwer".

Die Regisseure spielen mit seiner Erscheinung, bauen sie effektvoll in Inszenierungen ein: "Wenn so ein großer Kerl kommt, da schütten sich die Leute erstmal weg", sagt Aleschus. Eigentlich müsse er nur "still stehen, und das wirkt schon". Wenn er durch eine normale Bühnentür auftrete, "ist das der erste Lacher. Wenn ich dann mit dem Tenor, der 1,60 Meter ist, dastehe, ist es der zweite Lacher."

Außer im Ulmer "Rheingold" gastiert er derzeit an der Wiener Volksoper in Puccinis "Il Tabarro", im Sommer folgt der Komtur in "Don Giovanni" im Römersteinbruch St. Margarethen. Im Herbst wird er als Tierbändiger und Athlet in Bergs "Lulu" sein Debut an der Opéra national de Paris geben. Auch darüber hinaus ist er gebucht: "Es gibt wahnsinnig schöne Rollen, die man sich erarbeiten darf." Bei Dirk Aleschus werden sie alle zu großen Rollen.

Info Die nächsten "Rheingold"-Termine am Theater Ulm: 18., 25. und 30. März. Karten: 0731/161 44 44.


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Autor: MAGDI ABOUL-KHEIR | 16.03.2011

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