Manfred Spitzer und das Schöne
Hirnforscher Manfred Spitzer sprach im Künstlerhaus über Neuroästhetik: Die Evolution und das Lernen bestimmen unsere Ansichten vom Schönen.
"Wer genau und ordentlich ist, der ist nicht kreativ. Und wer kreativ ist, kann nicht genau und ordentlich sein." Auf diese einfache Formel brachte Professor Manfred Spitzer die Erkenntnisse der Gehirnforschung zur Kreativität. Er selber wünsche sich also lieber keinen kreativen Fluglotsen, bekannte er im Künstlerhaus.
Dass der Fluglotse strukturiert arbeitet, da könne man nachhelfen, erläuterte Spitzer. Beispielsweise würden fehlerhafte Ziffern auf rotem Papier eher erkannt als auf blauem. 70 Prozent der Bevölkerung assoziiere "Rot" mit Gefahr, rotes Papier versetze in Alarmbereitschaft und erhöhe die Aufmerksamkeit. Nun habe rotes Papier aber auch einen Nachteil. "Die Assoziation ,Gefahr macht uns ängstlich, und bei Angst fällt uns überhaupt nichts mehr ein." Der Fluglotse wäre demnach blockiert.
Aber vielleicht hilft im Tower auch das Bild eines Augenpaares, das über dem Monitor hängt. Wer sich angeschaut fühlt, arbeitet sorgfältiger und ist ehrlicher. Ein Foto mit Augen über der Kaffeekasse, die freiwillig gefüttert werden soll, bringe deutlich mehr Geld ein als eine "unbeobachtete" Kaffeekasse.
Aber was ist schön? Gibt es einen Konsens? Den gebe es, sagt Spitzer. "Überall auf der Welt finden Männer Frauen schön, wenn das Verhältnis Taille zu Hüfte 0,7 beträgt", sagte Spitzer. "Solch eine Sanduhr-Silhouette hat mit Symmetrie zu tun und Symmetrie mit Fruchtbarkeit". Schön empfinden wir aber auch das, was uns gleicht. "Man fürchtet sich vor Leuten, die einem unähnlich sind." Einer der Gründe für Fremdenhass.
Aber Ästhetik hat nicht nur einen evolutionsbiologischen Hintergrund. Wenn man Menschen auf der ganzen Welt fragt, was auf dem Bild drauf sein soll, das sie sich gerne über das Sofa hängen, dann komme immer das Gleiche raus: "Landschaften mit Bäumen, möglichst ein Felsen im Rücken und eine schöne Aussicht aufs Wasser." Der Blick auf die Natur stärke die Gedanken an die Gemeinschaft und fördere bei Krankheit die Heilung. Wer vom Krankenbett auf eine Brandmauer statt ins Grüne schaut, habe eine höhere Verweildauer im Krankenhaus.
Spitzer zitierte eine Fülle an Studien und Veröffentlichungen, die letztlich auf das lebenslange Erfahren und Lernen hinauslaufen. "Unser Hirn ist ein paradoxer Schuhkarton. Je mehr drin ist, desto mehr kriegt man rein." Und das Schöne in der Kunst? Das sei leider schlecht feststellbar. "Kunst ist unabschließbar, und erst die Distanz zeigt, ob das nur anders oder vielleicht gut und schön ist." Schade.
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Autor: CHRISTINA KIRSCH | 10.06.2011
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