Märchenhafte Liebe

Starker Premierenbeifall für Friedrich Schillers "Kabale und Liebe" am Theater Ulm: Intendant Andreas von Studnitz inszenierte eine kompakte Zwei-Stunden-Fassung mit einem soliden Ensemble.

JÜRGEN KANOLD |

Man erschrecke ja bei dem Gedanken, "das oft Gesehene noch einmal sehen zu müssen", schrieb Theodor Fontane über "Kabale und Liebe". Aber: "Immer aufs Neue bringt uns das Stück unter seine außerordentliche dramatische Gewalt." So stehts auf einer neuen gelben Ausgabe des Reclam-Hefts mit Friedrich Schillers bürgerlichem Trauerspiel, und der Furor dieses 1784 uraufgeführten Werks verschlägt einem beim Lesen noch heute den Atem.

Wenn die bürgerliche Luise, Tochter des Musikanten Miller, den adeligen Ferdinand von Walter liebt, dann formuliert sie nicht nur den Traum von einem Glück in einem anderen Leben, sondern terminiert eine Revolution: "Dann, wenn die Schranken des Unterschieds einstürzen - wenn von uns abspringen all die verhassten Hülsen des Standes - Menschen nur Menschen sind . . ." Und Ferdinand, den sein Vater mit zynischem Machtkalkül an die Fürstenmätresse Lady Milford verheiraten will? "Durchreißen will ich alle diese eisernen Ketten des Vorteils."

Doch freilich fehlt dem Präsidentensöhnchen die Kraft dazu: Eifersucht nämlich ist klassenlos, blüht aber groß in herzlos verminter Gegend. Was Schiller so schrieb - man wundert sich, dass ihn damals die vereinigten Herzöge nicht in den tiefsten Kerker sperrten.

Apropos Reclam-Heft: Wir sind im Theater, genauer im Großen Haus, da wird nicht gelesen, sondern gespielt, und Intendant Andreas von Studnitz hat in seiner Inszenierung mal wieder kräftig den Text gekürzt: "Kabale und Liebe" in gut zwei Stunden Aufführungsdauer (inklusive Pause). Das geht nach mäßiger, geraffter Exposition kompakt und stringent über die Bühne. Schillers Stück (siehe Fontane) wirkt.

Studnitz hat nun weniger das politisch aufrüttelnde bürgerliche Trauerspiel interessiert als - ja, was eigentlich? Auf jeden Fall die märchenhafte Liebe von Luise (die kindlich rührende Sidonie von Krosigk) und Ferdinand (Dan Glazer, auch kindlich, gerne der greinende Bub). Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb . . . Händchenhaltend sitzen sie auch wie Hänsel und Gretel an der Rampe des wild blau und schwarzfeurig ausgemalten Bühnenkastens von Marianne Hollenstein.

Sidonie von Krosigk ist dann aber auch eine zornige, selbstbewusste Luise und erinnert damit sympathisch an ihre Kino-Vergangenheit als Bibi Blocksberg. Dan Glazer muss extrem agieren: Stramm stehen vor dem kühl herrischen Vater-Präsidenten (Jörg-Heinrich Benthien) und zittern wie ein jämmerlicher Waschlappen; und wenn Lady Milford, die erwachsene Frau, diesem schwärmenden Ferdinand ihre Welt erklärt, bleibt dieser nicht "in sprachloser Erstarrung stehn", er fällt über sie her in hilfloser Gier. Später jedoch, wenn das Gift der Intrigen wirkt, wenn Ferdinand auch die berühmte tödliche Limonade abfüllt, erscheint sehr menschlich erschüttert ein junges Paar, dem böse mitgespielt worden ist.

Vivaldi tönt eisig durch die Szenerie, vorne klimpert der Adel (Präsident und Sohn) so bedeutungsschwer wie inspirationslos am Flügel, während Miller (Gunther Nickles) ohne Geige bruddelt. Aus dem Bühnenkasten löst sich oft ein Riesenrechteck, das den Schauplatz zerschneidet, das gekippt die Akteure bedrohlich in ihrer Verworfenheit deckelt. Ein in die Gesellschaft getriebener Keil. Das ist fein illustrierend. Grelles Typen-Theater gibt es aber auch. Studnitz rückt Tini Prüfert als großspurige Lady Milford im blutroten Kleid, als eine Art antike Tragödin, ins Bild. Wilhelm Schlotterer muss den Hofmarschall von Kalb tuntig französelnd als Knallcharge geben - billiges Amüsement auf Kosten der Hauptaktion.

Aber es gibt eine klare Stoßrichtung in dieser Inszenierung. Es geht gegen die Väter: gegen Miller und den Präsidenten, die ihre Kinder nicht freigeben, sie fremdbestimmen. Und Wurm, den Fabian Gröver als stoischen Buchhalter spielt, ist auch dabei, wenn am Ende drei Dunkelmänner zuschauen, wie Luise und Ferdinand sich dem Schicksal ergeben müssen. Nein, müssen sie ja märchenhaft gar nicht: Sie gehen, Hand in Hand, einer hellen Zukunft entgegen. Und wenn sie nicht gestorben sind . . .

Nach verhaltenem Beginn ist das nach der Pause eine Schiller-Aufführung, die das Publikum durchaus unter ihre dramatische Gewalt bringt. Starker Premierenapplaus.

Aufführungen

Termine Friedrich Schillers "Kabale und Liebe" steht wieder heute, Samstag, 19 Uhr, auf dem Spielplan. Die nächsten Aufführungen: 8., 10., 18., 21., 24. Oktober.

"Event" Heute und am 18. Oktober spielt Andreas von Studnitz im Bühnenkasten von "Kabale" nach der Schiller-Aufführung (22 Uhr) John Clancys Monolog "Event".

SWP

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