Lustvolle Paar-Therapie

Kammerzofe Despina saugt den Teppichboden des Großen Hauses - und überhaupt entstaubt Regisseurin Antje Schupp Mozarts Oper "Così fan tutte" am Theater Ulm sehr erfrischend. Großer Beifall.

JÜRGEN KANOLD |

Loriot selig brachte in seinem "Kleinen Opernführer" die Handlung lakonisch auf den Punkt: "Ein erfahrener älterer Mann wettet mit zwei jüngeren, dass ihre beiden Bräute - wie alle Frauen - durch andere Männer jederzeit verführbar seien. Beide Herren verabschieden sich von ihren Verlobten mit der Behauptung, die Pflicht riefe sie auf einen fernen Kriegsschauplatz. Zwanzig Minuten später kehren sie mit angeklebten Bärten als zugereiste Ausländer zurück und bedrängen die Damen, was das Zeug hält . . . "

So ungefähr geht Mozarts "Così fan tutte", aber der geneigte Zuschauer fragt sich seit mehr als zwei Jahrhunderten, weshalb die Damen denn so bescheuert sind, dass sie die Maskerade nicht durchschauen und auf die Männer hereinfallen. Oder tun sie es nicht? Was haben Regisseure nicht schon alles aufgeboten, um die Story mit einem zugefütterten Realismus zu beglaubigen, weil sie den falschen Bärten misstrauen. Aber geht's nicht einfach um die berühmten inneren Werte? Die vier Protagonisten erleben jedenfalls in einem Menschen-Experiment übler Sorte die heißesten Gefühle. Und die Musik, lügt sie eigentlich auch? Oder erzählt sie das wahre Seelenbefinden?

Nun, in Antje Schupps Inszenierung hält dieser "erfahrene ältere Mann" als Paar-Therapeut und Dating-Experte Dr. Alfonso zunächst mal einen Vortrag mit Video-Text und verkauft Ratgeber-Bestseller: Nicht nur "Così fan tutte" (so machen's alle Frauen) für die Männer, sondern auch "Così fan tutti" (so manchen's alle Männer) für die Frauen. Gender-Oper! Und alle treiben's dann bunt. Diese Oper heißt schließlich im Untertitel "Eine Schule der Liebenden", ja, die Regisseurin unterrichtet mit Witz, belehrt nicht altbacken.

Zwei Stangen sind wichtige Requisiten auf Mona Hapkes meist leerer, mit theatralischen Versatzstücken spielender Bühne: auch als erotisches Turngerät für die professionelle Pole Dancerin (Zuana Fucikova). In dieser Inszenierung wird geflirtet bis gerammelt. Da mag ja nun eine Wette laufen, ob die Bräute treu bleiben, aber warum sollen nur die Männer das Sexleben austesten? Jeder soll seine Freiheiten haben, es helfen Facebook oder Parship. Nicht nur, dass Don Alfonso (lockerer Bass: Don Lee) Moralvorstellungen wegwischt, Zofe Despina (die kecke, freche Maria Rosendorfsky) kommt mit dem Staubsauger daher und putzt schon laut vor der Ouvertüre den Teppichboden des Zuschauerraums.

Das Publikum sitzt mittendrin in der Therapiestunde - das ist die Zielgruppe. Antje Schupp gelingt die Kontaktaufnahme mühelos, und das fängt damit an, dass die Philharmoniker fast auf Bühnenhöhe agieren; gleichwohl steht Mozarts Musik nicht im Vordergrund. Timo Handschuh, auch am Cembalo die Rezitative begleitend, hetzt anfangs mit rasanten Tempi die Akteure fast bis zur Atemlosigkeit, da fehlte in der Premiere zuweilen der Feinschliff für die Mozart-Ironie. Aber dann klang's zunehmend so erfrischend unpastos wie die Inszenierung - und die intimen, dramatisch-innerlichen Arien gerieten besonders intensiv: gediegen schön.

Das bejubelte Ensemble: Thorsten Sigurdsson sang mit erstaunlich fein schmachtendem Tenor den Ferrando, Kwang-Keun Lee ist der raubautzige wie noble Guglielmo - mit tollen falschen Bärten agiert das Duo furios. I Chiao Shih verkörpert die derb lebenslustige, sich schneller hingebende Dorabella, Edith Lorans die skrupulöse Fiordiligi (die dramatische Felsen-Arie ist eine Herausforderung für die Sopranistin).

"Così fan tutte" in Ulm: einfallsreich, tatsächlich entstaubt - nur die Untergrund-Wohnung der Verlobten ist seifenopernmäßig muffig, aber die muss ja Dr. Alfonso lüften. Jede Menge Gags: Ein kitschiges Riesenherz aus dem Himmel dient als Bett, der iPad ist der Magnetismus unserer Tage, um Lebensgeister zu wecken. Turbulente drei Opernstunden mit eher wenig lakonisch-bürgerlichem Loriot-Humor.

Aber es ist halt nicht nur eine Gag-Parade, die Antje Schupps "Cos fan tutte" liefert, sondern eine kluge Mozart-Regie. Liebe, Lüge, Untreue - jeder durchschaut jeden, mit und ohne Maskerade? Nein, am Ende wird's dann ernst. Schreiendes Entsetzen nicht nur als Video-Projektion. Das Chaos der Gefühle: angemessen ungebändigt.

Info Nächste Aufführungen: 31. März; 4., 10., 19., 23. April.

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