Legionellen-Epidemie: Staatsanwaltschaft will Schuldfrage endlich klären

Ulm.  Wer trägt die Verantwortung für die Legionellen-Infektionswelle Anfang 2010 in Ulm? Das ist nach wie vor unklar. Die Staatsanwaltschaft wird deshalb ein neues Gutachten in Auftrag geben.

"Ohne externen Sachverstand kommen wir nicht aus", sagt Oberstaatsanwalt Rainer Feil. Seit 15 Monaten ermittelt die Ulmer Behörde zu den Ursachen der Legionellen-Epidemie, bei der Anfang vergangenen Jahres 5 Menschen starben und 64 weitere mit schweren Lungenentzündungen intensivmedizinisch behandelt werden mussten. Nach wie vor ist unklar, wer die Verantwortung dafür trägt. Denn auch ein 135 Seiten dickes, im Juni 2010 veröffentlichtes Gutachten gibt keinen Aufschluss darüber, aufgrund welcher menschlichen oder technischen Fehler die todbringenden Bakterien ins Kühlwasser der neu eingebauten Klimaanlage auf dem Telekom-Gebäude am Hauptbahnhof gelangten (wir berichteten).

Zwar habe das bisherige Gutachten der Stuttgarter RUK-Ingenieurgruppe "eine Grundlage für weitere Ermittlungen geliefert", sagt Feil, der den Fall seit seinem Amtsantritt als Vizechef der Ulmer Staatsanwaltschaft im September 2010 betreut. Weil die Expertise aber gleich nach der Erkrankungswelle in Auftrag gegeben wurde, sei sie "naturgemäß an vielen Stellen unscharf". So fehlten an entscheidenden Punkten "präzise Fragestellungen".

Ein Schwachpunkt sei zudem, dass das Gutachten von der Immobilienverwalterin des Telekom-Gebäudes, der österreichischen Strabag-Tochter "Strabag Property and Facility Services" in Auftrag gegeben wurde - wenn auch in Absprache mit der Stadt. "Es ist ein privates, ein Parteigutachten, wenngleich ich keine Anhaltspunkte habe, dass es ein parteiisches Gutachten ist."

Feil, der das alte Gutachten derzeit "gründlich durchleuchtet", wie er sagt, wird deshalb ein neues Gutachten in Auftrag geben. Spätestens im Juni soll ein unabhängiger Experte bestellt sein. Konkret müsse etwa geklärt werden, welche Firma welche Arbeiten erledigt hat.

Wie komplex die Situation ist, verdeutlicht das Geflecht der am Einbau der Anlage beteiligten Firmen. Betreiber der Klimaanlage ist die Telekom-Tochter "Power & Air Solutions". Sie beauftragte die Firma Kuhnert Haustechnik aus dem sächsischen Gottschdorf mit dem Einbau. Die wiederum beschäftigte mehrere Sub-Unternehmen. "Bis heute ist offen, welche Firma was erledigt hat", sagt Feil. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft haben einige am Bau beteiligte Firmen von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. "Wir wollen wissen: Gibt es Papiere, auf denen die Firmen unterschrieben haben, welche Arbeiten sie ausführen?", sagt Feil. Ebenso sei unklar, weshalb die Anlage schon Ende 2009 betrieben wurde, obwohl sie noch nicht abgenommen war.

Wie berichtet, war die Klimaanlage Ende vergangener Woche nach 15-monatiger Zwangspause wieder in Betrieb gegangen. Sie wurde technisch nachgerüstet, nach Angaben der Stadt Ulm besteht keine Gefahr mehr, dass sich dort Legionellen vermehren können.


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Autor: CHRISTOPH MAYER | 24.03.2011

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