Kommentar: Auf der Suche nach Normalität
Sechs Jahre Gefängnis ist angesichts dreier angeschossener und schwer verletzter Menschen beileibe keine harte Strafe. Das Berliner Kriminalgericht blieb mit seinem Urteil gegen Roy El-Halabi im Mittelfeld des rechtlich Möglichen - nicht zuletzt deshalb, weil es von einer spontanen Tat vor dem Hintergrund eines Vater-Tochter-Konflikts ausging. Das kann man anders bewerten, ohne das Urteil als zu milde beklagen zu müssen.
Die Tragik dieses Falls liegt sowieso nicht in der juristischen Aufarbeitung und der Höhe der Strafe. Sie liegt vielmehr in der Geschichte einer Familie begründet, die durch die sechs Schüsse von Berlin vermutlich zerstört ist. Und sie liegt vor allem in der bangen Frage, ob die sympathische Profi-Boxerin die körperlichen und seelischen Verletzungen wird jemals überwinden und wieder erfolgreich ihren Sport ausüben können. Letztlich hat sich der herrschsüchtige Stiefvater schon lange vor dem Urteil selbst gerichtet und sich das genommen, wofür er stets vorgab, eingetreten zu sein: das Wohlergehen und die Zukunft seiner Tochter.
Dass der 44-Jährige jetzt für einige Jahre seine Freiheit einbüßt, ist nur folgerichtig und gibt ihm die Möglichkeit, über sein selbstgerechtes Auftreten nachdenken zu können. Und der jungen Frau mag man wünschen, dass sie die Bilder aus dem Kopf bekommt, mit dem Kapitel abschließt und zu jener Normalität findet, die ihr der Stiefvater nehmen wollte.
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Autor: HANS-ULI MAYER | 15.11.2011
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