Kahlschlag im Lustgarten

Lieben und prassen, bis der Bagger kommt: Am Theater Ulm endet Don Giovanni auf der Baustelle. Matthias Kaiser hat die Mozart-Oper anspielungsreich inszeniert. Und das Ensemble singt gut.

JÜRGEN KANOLD |

In Don Giovannis Schloss wächst und blüht eine florale Partyzone. Eine wuchernde Vegetation mit Kakteen und fleischfressenden Pflanzen. Das ist ein wunderlicher Garten der Lüste in vielfarbigem Licht. Manchmal, im blauen Dunst, sieht er auch aus wie ein Aquarium. Und gerne spielt die Bühnenmaschinerie mit diesem Paradies: fährt es hoch und runter, stimmungsschwankend. Wie das so ist mit den Gefühlen. Denn aus lauter Liebe passiert hier alles: "è tutto amore".

Aber dann kommt im Finale des ersten Akts der Bagger. Don Giovanni, der böse Verführer, holt sich eine Abfuhr nach der anderen und weiß nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Ein "schauerlicher Sturm" bedroht ihn. Nur dass vom Himmel diesmal keine Hand Gottes herunterfährt, um den Wüstling zu verwarnen, wie man das vor vielen Jahren in einem Ulmer "Don Giovanni" Ansgar Haags erlebt hat, sondern eine Baggerschaufel.

Nach der Pause also der Kahlschlag. Eine Baustelle ist zu sehen: Gitterzäune, Absperrbänder, Warnleuchten. Sehr unromantisch geht das mit der Liebe aus. Am Ende zertrümmert der Bagger das Festmahl zu Schutt. Der strafende Komtur besitzt offenbar eine Baufirma. Die Hölle ist eine Grube.

Man kann Matthias Kaiser verstehen, dass er die Mozart-Oper auf der Baustelle inszeniert. Wer viele Jahre die Generalsanierung des Theaters durchgestanden hat und jetzt auch unter den Arbeiten für die neue Straßenbahn-Linie leidet, kommt an dieser lusttötenden, strafenden Metapher nicht vorbei. Sehr ulmisch inszeniert, dieser "Don Giovanni". Auf jeden Fall sehr beziehungsreich im Bühnenbild von Marianne Hollenstein. Überzeugend führt Kaiser die Oper aus einer Märchenvorzeit in die Gegenwart, was auch die Kostüme Angela C. Schuetts unterstreichen.

Die Story dürfte nur manchmal dramatisch-stringenter erzählt werden. Zu viele Verweise, Anspielungen bemüht der Regisseur im Stil-Mix, wo eigentlich ein Opernkrimi abläuft: So verwackelt unspannend die Introduktion mit Don Giovannis Mord am Komtur, dem Vater Donna Annas. Auch die musikalische Attacke versandete in der Premiere. Wobei Joongbae Jee, der neue 1. Kapellmeister, ansonsten mit den Philharmonikern eine solide Mozart-Aufführung bot: eher fülliger Klang, auch feine Akzente, fließende Übergänge, das war zunehmend eine runde Sache.

Kaiser charakterisiert sehr genau die Figuren. Da ist zum Beispiel Donna Elvira, leidenschaftsvoll und mit flutend lyrischem Sopran gesungen von Maria Rosendorfsky: Schwanger reist sie Don Giovanni hinterher, ihn unverdrossen liebend, sich an ihn klammernd, bis sie erkennt, dass er sie nur betrügt. Dann wirft sie das Kissen unter dem Kleid weg: Das hat alles keinen Sinn mehr. Aus dem Koffer holt sie ein Totgeborenes, das sie tröstend im Arm wiegt - was muss in Donna Elvira nur vorgehen? Donna Anna ist die entschlossener Leidende: Edith Lorans singt sie trotzdem nicht als Furie, sondern mit dramatischem, kämpferischem Ernst. Le donne, die Frauen also in diesem Ensemble: stark. Auch I Chiao Shih als Zerlina fuchtelt nicht nur mit der Spitzhacke, sie setzt auch eindrucksvoll ihren robusten Mezzo ein.

Dieses Ulmer Aufgebot erntete beim Publikum viel Premierenbeifall. Don Lee war nicht nur Masetto, sondern auch mit gepflegt monströsem Bass der Komtur. Tomasz Kaluzny gab den geplagten Leporello als souverän missmutigen Buffo. Nur Thorsten Sigurdsson sang die Don-Ottavio-Memme sehr säuselnd und teils neben der Spur. Kwang-Keun Lee aber genoss die Titelpartie und glänzte: ein Don Giovanni als räudiger Party-Samurei ohne Schwert, langhaarig, barfuß; großspurig, brutal, verschlagen und auch charmant.

Und er aufersteht, dieser Don Giovanni. Hält wieder Blumen in der Hand, noch gepflückt im weggebaggerten Garten. Schon kommt eine lächelnde Frau auf ihn zu - und läuft an ihm vorbei. Verwelkt.

Theater Ulm

Aufführungen Das Theater Ulm zeigt Mozarts Oper "Don Giovanni" in italienischer Sprache und mit deutschen Übertiteln: wieder am 15., am 18. Dezember und auch am 1. Weihnachtsfeiertag sowie am 2. Januar. Karten: Telefon 0731/161-4444 und online unter www.theater-ulm.de

 

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Umfrage: Internet auf der ...

Stiller Ort zum Surfen: Die Toilette. Foto: Monika Skolimowska

In der einen Hand das Klopapier, in der anderen das Smartphone - für fast jeden Zweiten in Deutschland ist das einer Umfrage zufolge kein Problem. 45 Prozent der Befragten gaben an, dass sie auf der Toilette selten oder regelmäßig im Internet surfen. mehr

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr

Mückenplage droht – ...

Wo kommt sie vor? Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus).

Deutschland droht eine Stechmückenplage. Der Grund: das feuchtwarme Wetter. Experten bitten darum, Mücken zu fangen und einzusenden. mehr