Jugendamt alarmiert: Zehnjährige in Obhut
Ulm. Vor einem Jahr wurde einem vierjährigen Buben beim Spielen der linke Arm abgetrennt. Jetzt wurde seine zehnjährige Schwester mit Verletzungen in die Klinik gebracht - das Jugendamt ist eingeschaltet.
Meldungen über verwahrloste, vernachlässigte oder misshandelte Kinder schrecken die Öffentlichkeit schon seit einiger Zeit auf. In der Vorweihnachtszeit ist auch in Ulm wieder ein solcher Fall bekannt geworden: Ärzte des Universitätsklinikums haben das Jugendamt der Stadt Ulm eingeschaltet, das seither hinter den Kulissen aktiv ist.
An einem Adventssonntag war ein zehn Jahre altes Mädchen von ihrem leiblichen Vater mit Verletzungen in die Ulmer Uniklinik gebracht worden. Sie sei auf dem Spielplatz von der Rutsche gefallen, soll der Mann angegeben haben, bei dem das Kind über das ganze Wochenende zu Besuch gewesen war. Das Ehepaar lebt getrennt, vier der gemeinsamen sechs Kinder sind bei der Mutter, zwei sind in Heimen untergebracht.
Als der Vater mit dem Kind zu den Ärzten kam, schöpften die Mediziner sofort Verdacht. Die Verletzungen passten nicht zu dem angegebenen Unfall und außerdem hatte es an jenem Sonntag abwechselnd geschneit und geregnet, was einen Spielplatzbesuch eher unwahrscheinlich erscheinen lässt.
Die Mediziner informierten das Jugendamt der Stadt Ulm und traten damit einen komplizierten Sorgerechtsfall los, der in vielerlei Hinsicht tragische Züge hat. Dies umso mehr, als die jetzt verletzte Zehnjährige die Schwester jenes vierjährigen Buben ist, der vor etwas mehr als einem Jahr Opfer eines tragischen häuslichen Unfalls geworden war: Dem Buben war beim Spielen in der Wohnung der Mutter in einer Waschmaschine der linke Arm abgetrennt worden (wir berichteten seinerzeit ausführlich).
Noch ist nicht klar, was sich an dem vorweihnachtlichen Wochenende tatsächlich zugetragen hat. Polizei und Ulmer Staatsanwaltschaft bestätigen die Strafanzeige wegen des Verdachts der körperlichen Misshandlung. Ermittler und Strafverfolger halten sich jedoch mit Informationen derzeit noch zurück. Die Ermittlungen seien schwierig, sagte ein Behördensprecher, der obendrein auf das Jugendamt der Stadt Ulm verweist, das das Kind bis zur Klärung des Vorfalls in Obhut genommen habe.
Vertreter des städtischen Amtes zeigen sich derweilen noch weniger auskunftsfreudig als die Polizei. Sie seien in Sorge, aber die Mitarbeiter müssen eng mit der Familie zusammenarbeiten und brauchen das Vertrauen, weshalb sie in der Öffentlichkeit keine Stellungnahme dazu abgeben könnten, sagte der Leiter des Jugendamts, Helmut Hartmann-Schmid. Und: "Unser Interesse gilt dem Kindeswohl. Das steht an erster Stelle."
Nach Informationen der SÜDWEST PRESSE lebt die Familie in schwierigen sozialen Verhältnissen. Das hatte sich schon im vergangenen Jahr bei den Ermittlungen zu dem Unfall mit der Waschmaschine gezeigt. Das Paar hat sechs gemeinsame Kinder, lebt aber getrennt. Die strafrechtlichen Ermittlungen waren eingestellt worden, weil den Eltern kein Verstoß gegen die Aufsichts- und Sorgfaltspflicht nachgewiesen werden konnte. Zwar war die Waschmaschine defekt gewesen, dass das Kind das Gerät beim Spielen aber hatte in Gang setzen können, sei - tragischer Ausgang hin oder her - den Eltern nicht vorzuwerfen. Zu diesem Ergebnis kam seinerzeit ein technisches Gutachten. Aber schon damals hatte das Jugendamt eine so genannte sozialpädagogische Familienhilfe angeordnet.
Nach ein paar Tagen Beobachtung in der Klinik ist das Mädchen nach einer Entscheidung des Familiengerichts zwischenzeitlich dem Jugendamt als Ergänzungspfleger unterstellt worden. "Das Kind ist in Obhut genommen und nicht wieder in die Familie zurückgegeben worden", sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft in Ulm.
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Autor: HANS-ULI MAYER | 27.12.2010
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