John von Düffel hat Euripides fürs Theater Ulm bearbeitet: „Die Bakchen (Pussy Riot)“

Am Donnerstag feiert „Die Bakchen (Pussy Riot)“ im Großen Haus Premiere. Der renommierte Schriftsteller und Dramaturg John von Düffel hat Euripides Stück fürs Theater Ulm bearbeitet.

MAGDI ABOUL-KHEIR |
Sie haben den Ödipus-Mythos fürs Deutsche Theater bearbeitet, den Orest-Mythos fürs Münchner Residenztheater, nun „Die Bakchen“ fürs Theater Ulm. Was fasziniert Sie an antiken Stoffen? 
JOHN VON DÜFFEL: Man findet darin die Wurzeln des Dramatischen. Und die Wurzeln der Auseinandersetzung mit Gesellschaft, mit Politik und Mensch. Wenn man heute über Stücke, über Spielpläne redet, wird gefragt: Geht es um Privates oder ist es politisch? In der Antike ist das alles zusammen: Die großen Tragödien sind zugleich religiöse, kultische Tragödien, politische Tragödien und familiäre, menschlich-existenzielle Tragödien. Alles, was Theater ausmacht als Menschenbetrachtung, ist dort zu finden.
 
Und wie kommt es zur Auftragsarbeit fürs Theater Ulm? 
DÜFFEL: Andreas von Studnitz kenne ich seit langer Zeit, wir haben schon in Basel und Bonn zusammengearbeitet. Ich war häufiger sein Dramaturg, wir haben uns immer gut verstanden, waren in ästhetischen Anschauungen nah beieinander, und er hat mich in manchen Dingen auch geprägt. So habe ich mich sehr gefreut, dass er sich nun meinen persönlichen Lieblingsstoff für Ulm vorgenommen hat: Ich wollte „Die Bakchen“ schon immer auf die Bühne bringen. Es ist ein wegweisendes Stück für unser Kulturverständnis, aber es erschließt sich auf der Bühne so selten. Daher haben wir gesagt: Wir machen es gemeinsam und schauen, wie wir das Stück erfahrbar machen für den heutigen Zuschauer.
 
Ihr Stück „Die Bakchen (Pussy Riot)“ basiert auf Euripides’ Werk. Was übernehmen Sie aus diesem 2400 Jahre alten Text? 
DÜFFEL: Sehr viel! Es ist ein vielschichtiges Stück über Kunst, Religion, Politik, Gesellschaft – über den Menschen in seinem existenziellen Sein. Zugleich ist es nicht nur ein fundamentaler Text über die Welt, sondern auch über das Theater. Dionysos, der Theatergott, gibt sich darin ja nicht nur die Ehre, sondern er wird auch in seiner Gefährlichkeit und Zerstörungswut erlebbar. Das Problem ist, dass man diesen Kult um Dionysos und den Rausch, dieses Chaos, das auch befreiend sein kann, dass man das im Theater zwar versteht, aber nie erlebt. Man sieht nur zu, wie sich andere Leute auf zweifelhafte Weise verlustieren. Aber wie soll der Zuschauer an der Erfahrung teilnehmen, für die die Bakchen stehen, die sich als Anhänger des Dionysos in einen ekstatischen Zustand begeben? Das ist ein uraltes Versprechen des Theaters, das gar nicht eingelöst werden kann. Ich habe daher Akzente verschoben und ein paar Brücken – auch mithilfe anderer Quellen – gebaut, um den Stoff durchlässiger zu machen fürs heutige Publikum.
 
Was wollen Sie uns heute erzählen? 
DÜFFEL: Zunächst versuchen wir deutlich zu machen, was für eine politische Situation in dieser Stadt Theben herrscht, bevor Dionysos auftaucht: eine bedrohte Kultur, ein wankendes politisches System. Der Herrscher Pentheus, der für Ratio, Kontrolle steht, ist um Stabilität bemüht, aber das alles ist nicht sattelfest. Man muss ein Gefühl für die bedrohte Ordnung schaffen, um Pentheus’ Not zu verstehen. Mit Dionysos tritt dann sein Gegenspieler auf den Plan, der für Chaos, Befreiung, Kontrollverlust steht – ein Versprechen, auf das die Frauen der Stadt stark reagieren, die zu den Unterdrückten gehören.
 
An der Stelle spielt Pussy Riot, die 2012 verhaftete feministische, regierungs- und kirchenkritische Punkrock-Band aus Russland, hinein? 
DÜFFEL: Bei allem Stabilitätsbemühen von Pentheus kommt eine weitere Kraft ins Spiel, von Frauenseite: Da geht es um die Befreiung, wobei der Akzent nicht so sehr auf Sexualität liegt, sondern auf politischer Unterdrückung. Da treffen Kräfte aufeinander, die viel mit Macht zu tun haben. Das hat uns interessiert, und dafür steht auch das „Pussy Riot“ – mit Betonung auf Riot, also auf Aufstand. Und da gibt es sicher Bezüge zu heute.
 
Sie haben übers „Schwimmen“ und „Vom Wasser“ geschrieben, „Wassererzählungen" veröffentlicht. Sie lieben Wasser, diesmal haben Sie es aber zu Wein gemacht. Für was steht der Rausch? 
DÜFFEL: Er ist eine Art, sich der Kontrolle zu entziehen. Die Griechen versuchen uns zu erzählen, dass das Heil im Maßhalten liegt – ihre Tragödien zeigen, was passiert, wenn das Maß überschritten wird. Dionysos als Gott des Theaters und des Rausches macht dabei das Paradox des Theaters deutlich. Theater ist ja eine geordnete, geradezu dressierte und ritualisierte Veranstaltung, vom Abgeben der Geraderobe bis zum Ruhigsein im Zuschauerraum. Und doch gibt es ab einem gewissen Punkt das Versprechen einer Grenzüberschreitung: dass man an etwas teilhat, das größer ist als man selber, das einen erschüttern, irritieren kann. Aber das gilt für das ganze Leben: der Zwiespalt zwischen Ordnung und der Lust an der Grenzüberschreitung. So sind die „Die Bakchen“ nicht nur ein großer Theatertext, sondern ein großer Menschentext.
 
Bei solchen Klassikern spricht man gern von zeitlosen Qualitäten. Muss man aufpassen, dass diese in einer zeitgenössischen Fassung nicht verloren gehen? 
DÜFFEL: Gute, große Texte enthalten gewisse Wirkkräfte: das Versprechen einer starken Wirkung, Erschütterung, emotionaler Bewegung, Lachen, Weinen. Die Aufgabe beim Bearbeiten und Inszenieren ist, diese in den Texten abgespeicherten Kräfte auch zu erwecken – im Hier und Heute. In der Adaption, in der Übersetzungsarbeit, geht es dabei nicht nur um Sprache, sondern auch um Situationen, Bilder, die diese Wirkung haben. Und das angesichts dieser endlosen Entfernung, die wir von der Entstehung des Stücks weg sind: einer enormen zeitlichen, räumlichen, mentalitätsmäßigen Entfernung. Wenn diese Übersetzungsarbeit gut geht, bleibt trotz allem eine Fremdheit – man soll ja nicht sagen: Es war damals alles so wie heute –, aber man will kein Unverständnis hervorrufen. Eigentlich ist es ein Wunder, wenn das alles gelingt, wenn das Fremde und das Eigene sich treffen. Das versucht die Bearbeitung und Inszenierung eines solches Stoffes zu schaffen: diese magische Dialektik von Nähe und Entfernung,
 
Sie haben den Thomas-Mann-Jahrhundertroman „Buddenbrooks“ zu einem Theaterstück gemacht, Bully Herbigs Kinohit „Der Schuh des Manitu“ zu einem Musical. Worin liegt der Reiz des Adaptierens? 
DÜFFEL: Ich kann mich dabei als Autor in den Kopf, manchmal auch in die Eingeweide eines anderen Schriftstellers und seines Stoffes begeben. Sozusagen mit der Feder eines Anderes mitschreiben. Dabei versuche ich aber, das Besondere, was der Vorlage innewohnt, herauszuarbeiten und nicht meine Sicht aufzupfropfen. Ich fühle mich den Kräften und Qualitäten der Vorlage verpflichtet und versuche, durch das Durchdringen des Werks zu etwas zu kommen, wo das Gemeinte spürbarer, erfahrbarer wird.
 
Sie haben in den vergangenen Jahren so unterschiedliche Werke wie „Tom Sawyer & Huckleberry Finn“ und „Der Turm“ für die Bühne adaptiert. Haben Sie eine grundsätzliche Herangehensweise?  
DÜFFEL: Der Schauspieler, der sich mit einer Figur und deren Sprache verbindet, steht im Mittelpunkt. An dieses Urbündnis des Theaters glaube ich sehr, an dieses uralte Theaterthema von Figur und Situation. Ich suche in den Figuren die starken Bewegungen des Textes auf, die hoffentlich zur Bewegung des Zuschauers führen – also emotionale Bewegungen, nicht Laufbewegungen aus dem Theater heraus (lacht).
 
Sie bearbeiten Weltliteratur und Klassiker. Schult Sie das als Autor oder schüchtert Sie das manchmal auch ein? 
DÜFFEL: Ich habe großen Respekt vor den Werken, mit denen ich umgehe. Ohne dieses leichte Gefühl von Ehrfurcht, in einem Heiligtum unterwegs zu sein, ohne diese Skrupel und Schauer, würde ich mich gar nicht so dafür interessieren. Es ist eine Faszinosum, sich ins Eingemachte dieser Texte zu bewegen. Andererseits stehen unausgesprochene Fragen im Raum: Wie sehr tu ich der Sache Gewalt an? Wie weit werde ich ihr gerecht? Vereinfachte ich unzulässig? Verkenne ich das Wesentliche? Das Gute im Theater ist, dass es immer das öffentliche Korrekturlesen in Form einer Aufführung gibt.
 
Schreiben Sie als erfahrener Dramaturg immer aus einer theaterpraktischen Perspektive? 
DÜFFEL: Es gibt da einen Grundwiderspruch. Natürlich weiß man als Theatermachender von gewissen Grenzen. Wenn bei Thomas Mann der Relativsatz so lange dauert, dass man das Verb am Ende als etwas völlig Fremdes empfindet, obwohl es den Satz abrunden soll, dann ist eine Komplexität erreicht, die auf der Bühne kaum funktioniert. Gleichzeit sucht das Theater immer nach der Überlistung des eigenen Pragmatismus’. Eine Bearbeitung unter rein pragmatischen Gesichtspunkten zu machen, liefe auf eine unzulässige Verkürzung heraus. Wir wollen verdichten, nicht verkürzen oder vereinfachen – wobei Vereinfachen keine Schande ist, wenn man so beim Wesentlichen landet, und nicht versimpelt. Unbedingt: Die Programmatik sollte die Pragmatik schlagen.
 
 

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