Jasper Brandis inszeniert am Theater Ulm

"Ein wahnsinnig musikalischer Text", findet Regisseur Jasper Brandis: Heute zeigt er mit Ödön von Horváths melancholischem Volksstück "Kasimir und Karoline" seine erste Inszenierung für das Theater Ulm.

LENA GRUNDHUBER |

Jetzt sei es lang genug her, sagt Jasper Brandis, "jetzt ist die Zeit reif dafür" - für dieses Stück, das ihn damals in seiner Zeit als Regieassistent am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg so beeindruckt hat: Ödön von Horváths "Kasimir und Karoline". Damals, in den 90ern, hat es Christoph Marthaler in Hamburg inszeniert. Nun, 20 Jahre später, ist Brandis selbst an der Reihe. Heute Abend wird der Regisseur zeigen, wie er das "Volksstück" des Schriftstellers sieht, liest, spürt.

Dass er es tief spürt, ist schon nach drei Minuten Kaffeepause mit ihm, tja, spürbar. Seit vielen Jahren arbeitet der studierte Jurist - das erste Staatsexamen hat er noch gemacht - als Regisseur an deutschen Bühnen. Er kennt und mag das Medium Theater in seiner ganzen Vielfalt vom Kinderstück über das Musical bis zum Klassiker, hat mit Luk Perceval, aber auch am Ohnsorg-Theater gearbeitet. Und er liebt die großen, eigenwilligen Sprach-Artisten wie Samuel Beckett, wie Thomas Bernhard, wie eben Horváth mit seiner dialektal gefärbten Kunstsprache: "Was so berührt, ist, dass er bei aller Artifizialität solche Tiefe, soviel psychologische Genauigkeit erzeugt", meint Brandis.

Seit einigen Wochen ist der Wahl-Hamburger, geboren 1971, für die Proben in Ulm und steckt ganz offensichtlich kopfüber, vor allem aber mit beiden Ohren in diesem "wahnsinnig musikalischen" Stück mit seinem urtraurigen Humor. Horváth lässt es ausgerechnet auf dem Münchner Oktoberfest spielen, "und zwar in unserer Zeit", wie es vorweg heißt. Gemeint sind die beginnenden 1930er Jahre, als die Folgen der Weltwirtschaftskrise bitter schmerzen und der Nationalsozialismus bereits bedrohlich unter der Oberfläche wummert. Die zwei kleinen Liebesleute, der gerade arbeitslos gewordene Chauffeur Kasimir und seine Karoline, die doch etwas will vom Leben, werden einander verlieren und verraten. Gläser, Träume, Haltungen zerbrechen im Oktoberfestrummel.

Unter der Folie des Volksfests brodle der Abgrund, unter der Oberfläche verberge sich die Deformation dieser "ausgeschnittenen Figuren", sagt Brandis. Menschen, die in ihrer Sprache nicht richtig zuhause sind und auch nicht in sich selbst, weil sie sich selbst als Ware betrachten, darum bemüht, den eigenen Wert zu bemessen. Eine Beschreibung der sozial Abgehängten sei das - einerseits: "Aber darunter zeigt Horváth theoriefrei, dass die Berührung zweier Menschen etwas ganz Brüchiges ist, wie wenig es braucht, dass das Glück weggaloppiert." Jede Zeit kennt sie, die Geschichte vom Vergehen der Liebe.

Jasper Brandis wird "Kasimir und Karoline" in seiner ersten Inszenierung für das Theater Ulm fast komplett nach der Vorlage auf die Bühne bringen, inklusive der Ortsanweisungen, sogar inklusive der vom Autor vorgeschriebenen alten Schlager, der Musik von Lehár oder Schubert. Raffiniert hineinkomponiert sei die Musik in diesen Text, der eigentlich selbst eine Komposition sei, findet Brandis. Komponiert auf die Stille: 121 Mal steht "Stille" als Regieanweisung darin.

Das passe durchaus auch in unsere Zeit, sagt Jasper Brandis, denn Menschen, die sich abgehängt und wertlos fühlen, produziere die durchökonomisierte Lebenswelt heute genauso. Die Inszenierung konzentriere sich aber auf Spiel und Sprache, auch die Bühne sei sehr reduziert.

Brandis zeigt auf dem Smartphone ein paar Fotos vom Bühnenbild Andreas Freichels', mit dem er seit Jahren arbeitet. Der hat den abstrahierten Fuß eines Karussells gebaut und einen Lichterkranz darüber. Mit ein bissel Fantasie könnte man sich den zum Sternenhimmel zurechtdenken. Denn der Himmel selbst ist ja so furchtbar dunkel und die Sterne sind ja viel zu weit, für Kasimir und Karoline.

Heute Premiere

Das Stück "Kasimir und Karoline" hat heute, Donnerstag, 20 Uhr, Premiere im Großen Haus. Das "Volksstück" von Ödön von Horváth (1901- 1938), das seine Uraufführung 1932 erlebte, hat mit Folklore freilich wenig am Hut: Horváth siedelt es nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 in München an. Wie viele andere hat Kasimir seinen Job verloren, trotzdem geht er mit Freundin Karoline aufs Oktoberfest. Kasimir glaubt, Karoline liebe ihn nicht mehr, weil er arbeitslos ist. Die beiden streiten, ihre Wege trennen sich und Karoline trifft auf Schürzinger, dessen Annäherungsversuche sie genießt. Kasimir läuft seinem Freund Franz Merkl in die Arme und bändelt mit dessen Freundin Erna an, während Franz beim Autoknacken erwischt wird. Dieweil Karoline von Schürzinger zu dessen Chef Rauch wechselt und zurück. "Und die Liebe höret nimmer auf" - das Motto, das Horváth dem Stück vorangestellt hat, ist fragwürdig geworden.

Die Inszenierung Regie führt Jasper Brandis, Bühne und Kostüme verantwortet Andreas Freichels. Es spielen Christian Streit (Kasimir), Sidonie von Krosigk (Karoline), Maximilian Wigger-Suttner (Rauch), Jörg-Heinrich Benthien (Speer), Christel Mayr (Ausrufer u.a.), Dan Glazer (Schürzinger), Fabian Gröver (Merkl Franz), Tini Prüfert (Erna), Julia Baukus (Elli), Margarete Lamprecht (Maria) sowie die Kinderstatisterie des Theaters Ulm.

Dauer Die Vorstellung dauert zwei Stunden inkl. Pause.

Nachtkritik Eine kurze Besprechung steht etwa eine Stunde nach der Premieswp.de re unter  

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