Insel der Hoffnung in Not
Ulm. Wenn jede Frauenakademie-Teilnehmerin das Geld für einen Kaffee spendet, kommt mit der Zeit eine schöne Summe zusammen. Ein Suchtkranken-Zentrum in Rumänien könnte ohne sie nicht überleben.
Mit einem Cappuccino fing alles an. Eine Gruppe der Ulmer Frauenakademie hatte 2004 bei einer Tagung im rumänischen Sibiu auch ein Behandlungszentrum für suchtkranke Frauen besichtigt und war beeindruckt und bestürzt zugleich. Beeindruckt von der Arbeit, bestürzt über die Zustände. Die "Insel der Hoffnung" wird vom rumänischen Staat finanziell kaum unterstützt, sie ist auf Spenden angewiesen. Entsprechend schlecht ist die Ausstattung. Die Frauenakademie beschloss spontan zu helfen. Die Überlegung: "Wenn jede von uns ein, zwei Cappuccino im Monat weniger trinkt und das Geld spendet, können wir dem Zentrum verlässlich helfen", sagt die Leiterin Gesa Krauß. Die Aktion "Cappuccino statt Alkohol" war geboren.
Seither hat die Frauenakademie 29 700 Euro an die "Insel der Hoffnung" gespendet. Erst kürzlich übergab Gesa Krauß wieder 2000 Euro an Crina Lupea, die das Reha-Zentrum leitet und die zum 25-jährigen Bestehen der Frauenakademie in Ulm war. Crina Lupea ist dankbar für die regelmäßigen Spenden aus Ulm. Sie helfen zum Beispiel, die gestiegenen Heizkosten zu decken.
Die "Insel der Hoffnung" bekommt auch von ihrem Träger Geld, dem Blauen Kreuz, allerdings in unregelmäßigen Abständen. Die suchtkranken Frauen bezahlen einen Anteil - sofern sie können. "Manche geben Naturalien, zum Beispiel einen Sack Kartoffeln." Unter den Bewohnerinnen sind Frauen aller Altersklassen und Schichten, 14-Jährige ebenso wie 70-Jährige, Bäuerinnen und Arbeiterinnen ebenso wie Ärztinnen und Lehrerinnen. Sie versorgen sich selbst, kochen, putzen, bauen Obst und Gemüse an.
Lange Zeit war die "Insel der Hoffnung" das einzige Suchtkranken-Zentrum für Frauen in Rumänien. Inzwischen gibt es ein zweites, berichtet Sunhild Galter, die seit drei Jahrzehnten die Frauenarbeit der evangelischen Kirche in Sibiu, dem früheren Hermannstadt, leitet. Die Lage in Rumänien werde immer schlechter, sagt sie. Vor allem im Sozial- und Gesundheitswesen: "Es ist nicht nur unterfinanziert, es ist fast gar nicht finanziert." In Sibiu breche bereits das dritte Krankenhaus zusammen, weil das Geld hinten und vorne nicht ausreiche.
Auch wegen der stark gestiegenen Energiekosten hat sich die finanzielle Lage der "Insel der Hoffnung" verschlechtert. Die räumliche dagegen ist besser geworden. Das baufällige, immer überbelegte Haus weit weg von Sibiu, in dem das Zentrum gegründet worden war, wurde zugunsten eines halbfertigen Neubaus, den der ursprüngliche Eigentümer nicht mehr bezahlen konnte, aufgegeben. Jetzt hat die "Insel der Hoffnung" zwölf statt sieben Plätze und liegt in einem Vorort von Sibiu.
Die Frauen bleiben meist vier bis sechs Monate. Viele fühlten sich lange danach dem Zentrum noch verbunden. "Sie feiern ihren Entlassungstag wie einen zweiten Geburtstag und kommen mit Kuchen vorbei", erzählt Lupea. Der Therapieerfolg sei bei Frauen größer als bei Männern, die Rückfallquote geringer, sagt Galter. "Männer trinken oft einfach so in Gesellschaft. Frauen greifen meist dann zu Alkohol und Medikamenten, wenn sie Probleme haben. In der Therapie lernen sie, mit den Problemen umzugehen."
Diese Unterstützung für ein selbstbestimmtes Leben hat auch der Frauenakademie gefallen. Die Ulmerinnen halten Kontakt zu den Rumäninnen und übergeben das Geld meist persönlich. "Es ist eine Beziehung entstanden, wir fühlen uns gebraucht und verantwortlich", sagt Gesa Krauß. Davon ist auch Dr. Swantje Volkmann beeindruckt. Die Kulturreferentin für Südosteuropa am Donauschwäbischen Zentralmuseum hat bei der Tagung 2004 den Kontakt zur "Insel der Hoffnung" angebahnt. Die Spendenaktion der Frauenakademie, an der sie auch als Dozentin tätig war, sah sie zunächst skeptisch, gibt sie zu. "Ich dachte, das schläft schnell ein." Inzwischen ist sie eines Besseren belehrt: Das Spendensammeln gehört inzwischen zum Alltag.
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Autor: CHIRIN KOLB | 16.12.2011
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Ein Cappuccino im Mittelpunkt: Teilnehmerinnen der Frauenakademie spenden regelmäßig den Gegenwert einer Tasse Kaffee für ein rumänisches Suchtkranken-Zentrum. 29 700 sind Euro zusammengekommen - zur Freude von Gesa Krauß (von links), Crina Lupea, Swantje Volkmann und Sunhild Galter. Foto: Volkmar Könneke
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