Individuelle Federführung
Ulm. Auf dem Schreibtisch geht er heutzutage zwischen angehäuften Werbekulis und Feinschreibern fast unter. Dabei ist der Füllfederhalter ein echter Individualist. Damit schmückt sich auch sein Besitzer gern.
Fast antik wirkt sein Gebrauch. Zumindest angestaubt, irgendwie gestrig. Wer schreibt heute schon noch mit Füller? Füllfederhalter erinnern an muffige Klassenzimmer und die Rebellion in der Teenagerzeit, als man (endlich!) auf Kugelschreiber umsteigen durfte - aber auch an handgeschriebene Briefe und intimste Gedanken, nur dem Tagebuch mitgeteilt. Und wichtige Dokumente werden auch heute noch mit Füller unterzeichnet.
Tinte überdauert, und ein edler Füller betont die Individualität seines Besitzers. Auch deshalb ist er als Geschenk nach wie vor beliebt. Manuela Eske ist Verkäuferin im Schreibwarengeschäft Hutter am Münsterplatz und weiß: Insbesondere zu Konfirmation und Abitur werden Füllfederhalter gerne als eine Jahre überdauernde Erinnerung verschenkt. Sie empfiehlt, Füller immer gemeinsam mit dem Beschenkten auszusuchen: "Jeder hält den Füller anders, deshalb sollte er vor dem Kauf unbedingt ausprobiert werden." Dann kann auch über die Stärke der Feder selbst entschieden werden.
Füll: Zumindest die Zeiten des Kolbenfüllers zum Aufziehen aber scheinen endgültig vorbei. Denn Tintenfässer sind passé: Zu praktisch sind die Plastikpatronen, mit denen die Schreibgeräte inzwischen standardmäßig bestückt werden. Manuela Eske bestätigt diesen Trend: "Vor allem in den letzten Jahren sind viele Kunden auf Patronen umgestiegen." Nostalgiker können ihren Füller aber mit einem entsprechenden Konverter weiterhin direkt vom Fass aufziehen.
Die dazugehörige Tinte wird passend vermarktet. Ein Hersteller weckt mit seiner "Edelstein Ink Collection" Assoziationen an kostbare Juwelen, deren Namen seine Tintenfarben tragen - ob Onyx (schwarz), Sapphire (blau) oder Jade (hellgrün). Vom Schreiben mit schwarzer Tinte rät die Fachfrau übrigens ab: Diese enthält Rußpartikel, die die Feder des Füllers verstopfen können. Hier hilft nur gründliche Pflege in Form von regelmäßigen Spülgängen mit Wasser.
Feder: Ein günstiges Geschenk ist der Füllfederhalter nicht unbedingt. Die Preisspanne ist groß und hängt von der verwendeten Feder ab. Füller mit Stahlfeder gibt es bereits ab 20 Euro; wer seine Worte lieber aus goldener Feder fließen lässt, muss mindestens mit dem Zehnfachen rechnen. Diese Investition lohnt sich für alle, die viel mit dem Füller schreiben. Denn die bereits im Werk eingeschriebenen Goldfedern zeichnen sich durch ein besonders weiches und geschmeidiges Schreibgefühl aus. Hundert Arbeitsschritte sind dafür in der Herstellung nötig.
Halter: Auch die Materialien des Halters variieren je nach Hersteller - und damit auch der Preis. Da gibt es günstigen Kunststoff, aber auch Titanium, Silber, platinierten oder vergoldeten Edelstahl, Edelhölzer, Edelsteine. Im Kommen sind 2012 Schreibgeräte mit Lederausstattung, passend zu Lederhüllen für Smartphones und iPad. Sogar speziell gewobenes Rosshaar umhüllt einen exklusiven Füllhalter. Produziert werden die Füller der großen Marken in Deutschland: Montblanc stellt in Hamburg her, Faber-Castell bei Nürnberg.
Mindestens 500 verschiedene Füller-Modelle hat Hutter im Angebot. Eine Firma wirbt damit, man solle sich "im Zeitalter von E-Mail und SMS mehr Persönlichkeit gönnen". An Ideenreichtum mangelt es bei den Herstellern nicht: Ob Sondereditionen in Buchschatulle, zum Sportwagen passendes Schreibutensil oder John Lennon Special Edition mit Clip in Gitarrenform - die Auswahl ist groß genug, um für jeden Individualisten das Passende zu finden. Diese Vielfalt hat es auch den Sammlern angetan. Ein Herr kaufe jedes Jahr einen Füller aus einer Montblanc-Sonderedition, der immer dieselbe Sammelnummer aufweisen müsse, erzählt Elisabeth Ehrmann-Thanner, Geschäftsführerin von Hutter. Dabei kann man für so manches Sammlermodell mehrere Monatsgehälter loswerden. Wer sich mit der "einzigartigen Aura" des Pen of the Year 2011 von Faber-Castell umgeben will, dem sollte das schon 3200 Euro wert sein. Dessen Jadesegmente zieren von Edelsteinschleifern handgearbeitete Ornamente. Individualität hat eben ihren Preis.
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Autor: CHRISTINE LIEBHARDT | 04.02.2012
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