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Hochstapeln will gelernt sein

Der Sendener Mario Dell-Anna bringt jede Woche Gabelstaplerfahrern in einer Sendener Fabrikhalle das korrekte Verhalten in Theorie und Praxis bei. Der Staplerschein, Flurfördermittelschein genannt, ist Pflicht.

Autor: CLAUDIA SCHÄFER |
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Wer kennt ihn nicht, den Splatter-Film über „Staplerfahrer Klaus“, der gleich am ersten Arbeitstag seinen Stapler unfreiwillig in ein Mordwerkzeug verwandelt, das einige Kollegen und schließlich auch Klaus selbst recht blutig ins Jenseits befördert? Auch Mario Dell Anna aus Senden, Chef einer Arbeitsschutzfirma, und sein Sohn Jens haben den Film schon mehrfach gesehen, aber so richtig zum Schmunzeln finden sie ihn nicht. Sie wissen, dass viele der in dem kurzen Streifen gezeigten Situationen immer wieder auch in der Realität tragisch enden können und wollen genau dies mit ihren Schulungen verhindern.

Ausgebildet werden in der Halle der ehemaligen Sendener Uhrenfabrik Anfänger, die noch nie in einem Stapler gesessen haben, aber auch alte Hasen mit zehn Jahren Erfahrung, die bislang ohne den „Flurfördermittelschein“, wie der Staplerschein eigentlich heißt, unterwegs waren. Eigentlich sei der Staplerschein schon seit vielen Jahren Vorschrift, doch werde in einigen Betrieben immer noch nicht darauf geachtet, sagt Dell-Anna. Manchmal werde der fehlende Schein erst ein Thema, wenn er als Arbeitsschutzexperte einen Betrieb unter die Lupe nehme. Wer als Arbeitgeber Leute ohne Schein fahren lasse, riskiere aber empfindliche Strafen. Ganz schlimm komme es, wenn ein Unfall passiert: „Dann ist der Arbeitgeber in der Haftung.“

Am Freitag haben Dell-Anna und sein Sohn Jens zwei Schüler: Sebastian Kloss ist Anfänger. Der 24-jährige sei „richtig heiß auf den Kurs“, bemerkt Jens Dell-Anna schon nach einer Stunde: Nach den ersten zögerlichen Fahrversuchen kurvt Sebastian immer sicherer mit dem Stapler über den Hof und schafft es problemlos, das Gefährt vorwärts und rückwärts in die aus Pylonen gebildeten Parklücken zu manövrieren. Beim anschließenden Slalomfahren zeigt sich schnell, dass Sebastians Kurskollege Harald Grau schon ein bisschen Erfahrung mitbringt: Der 27-Jährige ist in den letzten fünf Jahren immer wieder auf einem Stapler gesessen, um Waren zu transportieren. Er kommt trotz der wackeligen Fässer auf seiner Staplergabel gut mit dem Slalom zurecht. Den Staplerschein mache er aus Eigeninitiative, erzählt Grau: „Der Schein ist eine gute Zusatzqualifikation."

Stimmt, bestätigt Mario Dell-Anna. Weil die Flurförderzeugschulung nicht die Welt kostet, kämen immer wieder Privatleute zum Unterricht. Sei es, weil sie sich für eine neue Stelle bewerben wollen oder weil sie als Studenten auf bessere Chancen bei der Suche nach einem Nebenjob hoffen. Auch Frauen seien unter den Schülern. Die kämen aber eher auf Wunsch ihrer Arbeitgebern, die eine Speditionskauffrau in Stoßzeiten gerne im Lager einsetzen wollen, erklärt Dell-Anna.

Inzwischen hat Harald Grau eine neue Aufgabe bekommen: Er soll seine Palette mit den Fässern in ein Regal in drei Metern Höhe befördern. Der 27-jährige kommt ins Schwitzen: Mal steht sein Stapler zu weit links, mal stimmt der Winkel des Masten nicht. Die Paletten will nicht ins Regal. Dell-Anna erklärt geduldig: „Am besten korrigiert man, wenn die Last unten ist. Ist die Gabel erst mal über Kopfhöhe, sieht man nichts mehr.“ Harald setzt neu an und prompt klappt das Abladen. Mario Dell-Anna ist zufrieden: „So, jetzt probieren wir das mal mit den Gitterboxen."

In seiner Halle warten bis zu fünf Meter hohe Regale mit den verschiedensten Lasten auf die Staplerfahrer. Harmlose Palettenstapel, leere Fässer, Fässer mit Inhalt, der beim Transport hin und her schwappt. Leere Gitterboxen, durch die der Staplerfahrer durchsehen kann und bis zum Rand gefüllte Boxen. Um die zu transportieren, muss der Staplerfahrer rückwärts rollen. Dell-Annas Helfer haben sich bemüht, in ihrer Halle möglichst viele Standardsituationen in Betrieben nachzubauen. Auf Wunsch von Kunden machen sie Gassen enger oder weiter oder bauen Pfosten ein, denn die Übungssituation soll so realitätsnah wie möglich sein. Falls das nicht reicht, schulen sie die Staplerfahrer auch vor Ort, in der Firma selbst.

Neben den praktischen Übungen lernen die Fahrer auch ein bisschen Mathematik und Physik, werten Traglastdiagramme aus und berechnen Maximallasten. Die Theorie sei wichtig für die Sicherheit im Umgang mit dem Fahrzeug, betont Mario Dell-Anna: Eigentlich ist ein Gabelstapler schon ein praktisches Ding: Er ist recht klein, wegen der Hecklenkung sehr wendig und kann große Lasten meterhoch heben. Doch was so kraftvoll daherkomme, sei „in Wirklichkeit ein Dreirad, das wahnsinnig schnell umkippen kann“. Denn die Wendigkeit des Staplers sei nur möglich, weil das Gerät, anders als ein Auto, nur auf drei Standpunkten ruht. Deshalb habe auch ein Stapler Sicherheitsgurte, erklärt der Sicherheitsfachmann: „Die verhindern, dass der Fahrer unter die Maschine gerät, wenn sie umkippt.“

Harald Grau und Sebastian Kloss haben verstanden. Sie sind mit Dell-Annas fünf Staplern gefahren, haben Lasten transportiert und bewegt. Sie kennen die Unfallverhütungsvorschriften. Am nächsten Tag werden sie die theoretische und praktische Prüfung ablegen. Aus ihnen, da ist sich Mario Dell-Anna sicher, wird kein „Staplerfahrer Klaus“ werden.

Info: Das Fahren eines Gabelstaplers sind in den berufsgenossenschaftlichen Vorschriften geregelt. Der Erwerb des Flurfördermittelscheins (Staplerscheins) schließt mehrere Unterrichtsstunden in Theorie und Praxis und die entsprechenden Prüfungen ein. Erforderlich ist zudem eine jährliche theoretische Unterweisung. Erworben werden kann der Flurfördermittelschein bei TÜV und DEKRA, zertifizierten Ausbildungsbetrieben und freiberuflichen Ausbildern mit entsprechender Qualifikation.

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